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    Dienstag - Pilzsuppe – Teil1

    Arne durfte heute früher aus dem Bett als seine Liebste. Im Gegensatz zu ihm hat sie heute Spätschicht auf dem Stellwerk in Hennehof. Eine halbe Schicht mal wieder mit dem Chef. Arne war pünktlich um sechs Uhr am Lokgleis der Einsatzstelle Hohnstadt.

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    Nachdem er die Lok einsatzbereit gemacht hatte, war um 6:37 Uhr Abfahrt nach Mehlsdorf. Die Bedienung des Anschluss Collid-Chemie erfolgt morgen erst wieder. So hat man in Mehlsdorf die Zeit mit dem Verschieben von einigen Schotterwagen verbracht. Damit war dann gegen halb elf Schluss und man stellte sein Gefährt vor den Lokschuppen, gleich neben dem dortigen Faultierhaus der ehemaligen Bm-Außenstelle Hohnstadt ab. Erst um halb eins geht es mit Leerwagen und einem Materialwagen aus der abgewickelten Bm zurück nach Hohnstadt. Schade, dass seine Kathrin heute nicht hier ist.

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    Um 12:27 Uhr setze sich die Fuhre dann als 74856 in Richtung Hohnstadt in Bewegung. Nun sitzt Arne seine Zeit in der Lokbehandlung bis zum Feierabend ab. Das abgezweigte Skat-Blatt aus der Gestattungsproduktion für das westliche Ausland mit bunten Bildchen auf der Rückseite der Spielkarten erfreute sich dabei großer Beliebtheit.

    Während Arne noch seine Karten kloppt, findet sich Kathrin zu ihrer Spätschicht auf dem Stellwerk in Hennehof ein. Heute planmäßig mit dem Chef.

    In Gedanken versunken, wie sie am besten die Zeit mit ihm herumbekommt, erblickt sie den Krankenwagen der SMH vor dem Stellwerk.

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    Was ist da los? Die Tür unten steht offen und gerade will sie schnell nach oben, da brüllt es von oben: „Halt, wir kommen runter!“ Sie muss mit ansehen, wie der Leiter der Dienststelle gerade von zwei Sanitätern auf einer Trage durch das enge Treppenhaus heruntergetragen und in den Krankenwagen verfrachtet wird. Sie ist so perplex, dass sie es nicht mehr schafft die beiden Rettungssanitäter zu fragen, was denn los sei, bevor die mit Blaulicht und Sondersignal nach Hohnstadt zum Kreiskrankenhaus eilen.

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    Als sie oben ankommt, ist keiner weiter da. Was war hier los? Es ist fast totenstill, nur das leise Brummen aus dem Gehäuse mit dem Schwanenhals ist zu hören. Klackend schaltet der Kühlschrank ein. Kathrin zuckt zusammen. Aus dem Toilettenraum kann sie ein leises Stöhnen hören. Sie öffnet die Tür und findet Ilona, von schweren Krämpfen geplagt, über die Kloschüssel gebeugt vor. „Pilz!“, stöhnt sie. Sie schwitzt stark, zittert und kann nicht wieder aufstehen. Zu schwach. Kathrin eilt zum Fahrdienstleitertisch. Die Rufleitung von Mehlsdorf blinkt. Das muss warten – sie greift zum Hörer des Basa-Telefons und wählt schnell die 02 115.

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    Nach kurzem Klingeln meldet sich die SMH-Notrufzentrale und Kathrin sprudelt los: „Hier Bahnhof Hennehof - Stellwerk, der Fahrdienstleiter, wir haben hier eine Pilzvergiftung!“ Am anderen Ende ist man erstaunt: „Wir haben doch schon einen Wagen geschickt.“ „Ja, der ist gerade mit einem Kranken weggefahren.“, antwortet Kathrin, „Ich habe aber eben noch eine junge Frau mit Vergiftungserscheinungen hier aufgefunden. Wir brauchen dringend noch einen zweiten Wagen schnell zum Stellwerk in Hennehof.“ In der Zentrale ist es kurz still, dann ein Rascheln und schließlich: „Wir haben keinen weiter…“, dann bricht die Verbindung ab. Kathrin atmet durch, da muss wohl auch Stress sein. Sie muss sich was überlegen, und zwar schnell, Ilona stöhnt wieder. Kathrin versucht Ilona etwas Wasser einzuflößen, um weiteres Erbrechen zu befördern.

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    Wieder ruft es von Mehlsdorf und Kathrin geht ran. Noch bevor der diensthabende Fahrdienstleiter Kugel etwas sagen kann, platzt es aus Kathrin heraus: „Der Herr Hahn, der Fahrdienstleiter ist erkrankt. Kein Zugverkehr möglich! Der hat anscheinend Pilzvergiftung. Die Ilona liegt auch noch hier, dasselbe, es kommt kein weiterer Rettungswagen, die haben keinen im Moment. Irgendwer muss uns doch helfen können?!“ In Mehlsdorf nimmt man die Lage zur Kenntnis und stellt eine Hilfsmöglichkeit in Aussicht. Der Zugverkehr aus der Richtung ruht bis auf Weiteres – jedoch ist 89742 schon durch – der nun vor der linken Einfahrt seine Warteposition einnehmen wird.

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    Als nächstes ruft sie Hohnstadt, dort geht Benno ans Telefon, dem sie schnell die Situation erklärt. Der ist schon abgelöst, hatte Feierabend und wollte schon weg sein. Nun kommt er nach Hennehof rüber. Bevor er auflegt, meldet er einen dringenden Hilfszug für Hennehof voraussichtlich ab 5. Kathrin nimmt ihn an. Benno fragt: „Ist die drei bei dir frei?“ „Ja“, antwortet Kathrin. „Gut, dann mach Einfahrt nach drei“, sagt er noch und die Verbindung ist beendet. Oben lässt er den Zugverkehr in Richtung Hennehof einstellen und schildert die Situation der Spätschicht. Dann eilt er nach unten – rüber zur Einsatzstelle, dort steht die Kleinlok aus Mehlsdorf.

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    Als er dort ankommt, ist die Lok schon abgerüstet. Der Rangierer ist schon weg und Arne packt gerade seine Sachen. Benno winkt schon von Weitem wild und Arne merkt, dass etwas nicht stimmen kann. Der Hohnstädter Fahrdienstleiter ruft ihm zu, dass sie dringend nach Hennehof müssen und hält dabei den Fahrplan hoch. Arne versteht und macht die Lok in Rekordzeit einsatzbereit.

    Montag – der Alltag

    Die neue Woche hat begonnen und es ist der Tag, den der rote Kater aus dem Fernsehen zukünftig gar nicht mögen wird. Kater Leopold ist dagegen der Wochentag relativ egal. Kathrin allerdings verliert gerade etwas den Bezug zu den sonst so selbstverständlich wirkenden Tagen der Woche. An den neuen Rhythmus muss sie sich noch gewöhnen. Auch dem schwarz-weißen Stubentiger fallen diese Veränderungen auf, nicht nur durch die zeitlich abweichenden Futtergabe – geschickt gebettelt bedeutet doppelte Futtermenge – sondern auch an den ungewöhnlichen Schlafenszeiten seiner Mitbewohnerin, die neuerdings sein Bett benutzt, wenn es draußen schon lange hell ist.

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    Die Nachtschicht war nichts Besonderes. Wochenendverkehr auf der Schiene. Nach der langen Nacht will Kathrin nur noch unter die Dusche und dann schlafen. Der Schlaf fehlt ihr im Moment und sie hat zu nichts Lust. Arne schläft im Moment zu Hause bei seinen Eltern. Der hat heute seinen ersten Tag als frisch gebackener Kleinlokführer. Unten in der Einsatzstelle gibt es sicherlich den nötigen Einstand. Nachmittags wollen sie sich in der Stadt treffen, er will sie nach ihrer letzten Fahrstunde am Bahnhof abholen. Über eine gemeinsame Wohnung hat sie auch schon nachgedacht – soll sie den Antrag schreiben? Mehlsdorf ist so weit ab vom Schuss. Gedanken, die sie in den Schlaf begleiten. Das laute Schnurren neben ihrem Kopf bekommt sie schon gar nicht mehr mit … und draußen beginnt die neue Woche im sozialistischen Arbeitsalltag der werktätigen Bevölkerung.

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    Nachmittags. Stefanie genießt gelangweilt die letzten Tage der Schulferien an diesem herrlichen Sommertag. Nachdem sie gestern Abend ihren Ingo noch zum Bahnhof gebracht hatte, nahm sie den letzten Bus in Richtung Seifenfabrik. Nachdem sie noch schnell bei ihrer Freundin war und sie das Gefühl erfahren durfte, in einem Hochzeitskleid zu stecken, ist sie schließlich hinten über die Felder nach Hause gelaufen. Friedliche Zeiten, in denen so etwas für eine einzelne junge Frau etwas fast Selbstverständliches zu sein scheint. Ihr Liebster fehlt ihr schon wieder und ohne ihn ist sowieso alles doof. Solchen Ärger, wie ihre Schwester und Arne ihn letzte Woche hatten, kann sie sich mit ihrem Schatz gar nicht vorstellen. Kurz nach zwei lümmelt sie sich auf die Couch im Wohnzimmer und überlegt, was mit dem Tag noch zu machen wäre. Die Große ist gerade zur Tür raus – zur Fahrschule. Für Stefanie hat das noch etwas Zeit.

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    In der Schrankwand gegenüber steht der Colotron 4000/2. Schönes Teil, bei dem sogar die Westprogramme in Farbe zu sehen sind. Über den Geldwert dieses Gerätes macht sich Stefanie keine Gedanken, die 6000 Mark und die nötigen Beziehungen zum Erwerb des Bildempfängers mussten ja auch ihre Eltern haben. Sie hockt sich vor den Fernseher und drückt sich durch die Programme. Was haben die fünf Fernsehanstalten denn zu bieten? Staatsfunk nichts – wie immer, auf dem Zweiten geht es sowieso erst um drei los. Erstes Westfernsehen – Tennis, nichts für Stefanie, zu langweilig. Ferienprogramm auf dem Zweiten, das könnte was werden. Sie setzt sich wieder auf das Sofa zu Kater Leopold. „Na dann wollen wir doch mal schauen.“, säuselt sie, krault dem Befellten den Kopf und eine Folge des rosaroten Panthers beginnt. Na geht doch, denkt sie gerade und da klingelt das Telefon. „Hat man denn hier gar keine Ruhe?“, murrt sie und überlegt, wer denn da jetzt anrufen könnte. Sie hebt ab und nach einem kurzen, aber bestimmten „Hier bei Knappschritt.“, meldet sich Cordula.

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    „Stefanie? Hier Cordula. Du, ich will gar nicht lange reden.“ Es knackt in der Leitung und ein blecherner Klang setzt ein. „Wollen wir am Sonntag nach Eggesin fahren? Ich habe getauscht, Claudia brauchte frei.“ „Ja klar, aber da muss ich trotzdem erst Vati fragen. Mein Ingo war ja am Wochenende hier bei mir.“ Eine kurze Schilderung des Wochenendes folgt und nach fünf Minuten unterbricht Cordula: „Du ich muss gleich los, frag mal nach und ruf mich dann heute Abend bis dreiviertel zehn auf dem B1 in Hennehof an. Und schreib deinem Mann schon mal, dass der Kasernenausgang für Sonntag bestellen soll. Fahrkarten hab ich für dich schon besorgt.“ Die beiden verabschieden sich und Stefanie freut sich auf ein schon baldiges Wiedersehen mit ihrem Schatz.

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    Zehn Minuten nach diesem Telefonat besteigt Kathrin an den Garage des VEB Kraftverkehr Hohnstadt ihr Fahrschulauto zur letzten Stunde vor der Prüfung. Alles noch einmal abfahren. Heute ist zur Abwechslung mal Fahrlehrer Grimmig mit ihr unterwegs. Sehr gesprächig ist der nicht und lotst sie raus auf die Fernverkehrsstraße. Dann will der auch noch auf die Autobahn, nächste Abfahrt wieder runter und über die Südstadt wieder rein. In den engen Straßen wird rechts vor links geübt und dann geht es zurück in Richtung Bahnhof. Arne müsste schon da sein. Im Bahnhofsviertel kommt ein großes rundes Schild mit einem weißen Balken in Sicht und Kathrin fragt souverän: „Wohin wollen wir? Rechts oder links?“ Grimmig nickt zufrieden und sagt „Nach rechts in Richtung Unterführung zum Bahnhof“. Mit dem Einparken vor dem Intershop endet hier die letzte Doppelstunde. „Wenn Sie das zum Prüfungstermin genauso machen, klappt das mit dem Führerschein für sie.“ Damit verabschiedet er sich und der Fahrlehrer wartet auf seinen nächsten Schüler. Kurz darauf ertönt die Hupe von Arnes Simme und er parkt "gekonnt" in die kleine Lücke hinter dem Fahrschulauto ein. Der skeptische Blick des Fahrlehrers trifft ihn, den Arne jedoch gekonnt ignoriert. Kathrin schwingt sich zu ihm auf den Sozius und es geht in den Feierabend für beide. Jetzt haben sie Zeit für sich – morgen hat Kathrin Spätschicht in Hennehof. Endlich wieder.

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    Sonntag - Überholer

    Früh um dreiviertel sieben schleicht sich Kathrin nach oben. Kurz ins Bad und dann wieder ins Bett – heute Abend nochmal die lange Nacht. Einen Kuss für ihren Liebsten, der sich murmelnd nochmal im Bett umdreht. Kathrin sinkt in ihr Kissen, die Nacht war langweilig – nichts Besonderes und so, hofft sie, soll es auch bleiben. Heute Nachmittag will sie sich noch etwas Zeit für ihre Schwester nehmen, schließlich ist heute ihr Geburtstag.

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    Gegen neun kommt wieder Bewegung in das kleine Einfamilienhaus der Knappschritts. Nach der Familiengratulationskur zu Stefanies 17ten und dem gemeinsamen Frühstück, geht es noch einmal für das Paar Sommerlieb-Knappschritt in die Stadt zu seinen Eltern. Arne ist ebenfalls erst mal nach Hause gegangen, so haben das Ehepaar Knappschritt auch ein paar Stunden für sich. Momente, die es zu nutzen gilt.

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    Am Nachmittag treffen dann nach und nach die Geburtstagsgäste ein. Der kleine Tisch im Flur ist schnell mit Geschenken und Blumen gefüllt. Zum Ende der Feier geben Stefanie und Ingo im Kreise der Familie Knappschritt und vor Stefanies Freundinnen zur allgemeinen Überraschung ihre Verlobung bekannt und stecken sich gegenseitig die Ringe (wieder) an. Kathrin sitzt nachdenklich auf der Couch. Jetzt hat mich die jüngere Schwester schon wieder überholt. Muss ich jetzt auch? Während sie darüber noch nachgrübelt, kommt ihr eine Parole aus dem verhassten Stabü-Unterricht in den Sinn. Überholen ohne einzuholen war eine bekannte politische Phrase ein paar Jahre früher. Stefanies Freundinnen denken ähnlich: Uns war Stefanie schon immer voraus. Kann man nichts machen, die war und ist immer als Erste vorne dran. Ist eben so… Sie weiß eben wie und vor allem wann es zu handeln nötig ist.

    Am späten Nachmittag verabschieden sich allmählich alle Besucher und es wird beschaulicher im Hause Knappschritt. Kathrin überlegt, ob sie ihrem Arne jetzt auch einen Ring anstecken soll. Es war ja schließlich schon einmal ziemlich knapp zwischen ihnen beiden, dann lieber jetzt alles in Sack und Tüten bringen.

    Dreißig Minuten später steht Kathrin jedoch erst einmal am Bahnsteig in Hohnstadt und wartet auf den Personenzug in Richtung Mehlsdorf.

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    Als sie in Mehlsdorf einfährt, fällt ihr Blick auf den kleiner Container, der neuerdings dort neben dem B1 steht. Das soll der provisorische Relaisraum für die Steuerung dieses Bahnhofkopfes werden und erinnert sie wieder daran, dass sie hier nicht mehr lange im Einsatz sein wird. Gut so.

    Von drei kleinen WSSB-Pulten auf dem Schreibtisch des Fahrdienstleiters soll die Bedienung erfolgen. Bis das fertig ist, können die sechs Weichen schon mal mit einer Kurbel umgestellt werden. Damit ist der Anschluss der Sowjets an die große weite Welt weiterhin gesichert. Und wieder fehlen für die Fertigstellung der Schaltungen die Kleinigkeiten. Der Export in aller Welt zehrt einen großen Teil der Produktion von WSSB Berlin auf. Planschulden gibt es extra noch. Es dauert wie immer bis alles zusammen kommt, was laut den vielen Plänen zusammen gehört und bis die neuen kleinen Pulte auch leuchten.

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    Sonst läuft es heute und wie die letzten zwei Wochen auch schon. Weitere Weichen und Gleisabschnitte wurden in Mehlsdorf bereits ausgetauscht bzw. erneuert. Sonst Fahren und Bauen - Bauen im Gleis zwei, Fahren im Gleis eins. Für die Zwintzschitzer und Hennehofer Rückmelden von nach Mehlsdorf und für die Mehlsdorfer nach beiden Seiten. Ein waches Auge und ein klarer Verstand ist in dieser Betriebssituation unabdingbar. Das wissen hier alle und natürlich auch Kathrin, als einzige Stellwerkswärterin in dieser Schicht auf diesen Betriebsstellen.

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    Kurz darauf machen sich Ingo und Stefanie auch auf dem Weg zum Bahnhof. Mutter Knappschritt wollte sie fahren, aber da hat sich Stefanie rausgeredet. Sie will noch Zeit mit ihrem Ingo allein verbringen und auf dem Rückweg noch einen kleinen Umweg zu ihrer Freundin Melanie machen. Die hatte ihr was von einem „alten“ Hochzeitskleid ihrer Mutter erzählt. Das will sie mal genauer untersuchen. Als an Gleis drei der abendliche D-Zug nach Berlin einfährt, kommt der größere Ring von Ingos Hand wieder ab und verschwindet in der kleinen Schachtel. Die kommt mit zu den anderen Schätzen in Stefanies Fach in ihrem Zimmer. Ein so tolles Teil soll ja nicht auf dem Gefechtsacker verloren gehen. Nicht wahr? Mal sehen wann sich unser Paar unter welchen Umständen wiedersieht.

    Samstag – Ring frei

    Irgendwann gegen zehn Uhr stehen Ingo und Stefanie auf. Eltern und Schwester mit Freund haben anscheinend bereits heute früh das Haus verlassen. Beide denken am Küchentisch an das gestrige (Vor)Frühstück und schauen sich an. Stefanie kichert – lieber nicht, wer weiß, wann einer von den anderen zurückkommt. Der Kaffee ist durch und die Brötchen auf dem AKA-Brottoaster sind auch fertig. Beim gemeinsamen Frühstück des Paares dann der Schreck! Der Ring geht bei Stefanie nicht mehr vom Finger runter. Was nun? Gleich stehen Mutti und Kathrin hier auf der Matte. Sie wollten mit ihr zusammen ins Magnet-Kaufhaus zum Einkaufsbummel gehen.

    001-Morgen

    Als Mutti Manuela kurz darauf tatsächlich nach Hause kommt, versteckt Stefanie zunächst ihre linke Hand möglichst unauffällig. Mutti fragt: „Was ist denn heute bloß los mit dir?“ Kathrin stellt sich hinter ihre Schwester und packt ihre linke Hand und hält sie unter quengeln von Stefanie hoch. „Das ist los!“, grinst sie und hält Mutti die Hand der Schwester unter die Nase. Stefanie fängt noch lauter an zu jammern und wirft ihrer Schwester zornige Blicke zu. „Mutti, der sitzt fest, ich kriege den nicht wieder ab.“ Mutti Manuela feixt los. „Wir haben vorhin nur mal kurz (eigentlich die ganze Nacht – aber nur die Leserschaft weiß das) Probetragen gemacht.“ Kathrin grinst breit und schüttelt den Kopf. Stefanie verdreht die Augen und an ihre Mutter gewandt: „Wir wollten jetzt gleich zum Goldschmied gehen, damit der wieder abkommt.“ „Zeig mal her!“, sagt ihre Mutter betastet kurz den Ring. „Ach, das kenn ich auch.“ und grinst. „Du?“, fragt Stefanie. „Was dachtest du denn?“, mischt sich wieder die Ältere ein. „Schließlich war und ist unsere Mama auch mal jung … gewesen.“ Alle pusten vor Lachen. Arne steht nur mit großen Augen in der Tür, winkt ab und geht mit Vater Knappschritt in den Garten. Die Temperatur des Kühlschrankes im Schuppen müsse mal überprüft werden – oder eher die der zu kühlenden Flaschen. Manuela wendet sich wieder an Stefanie. „Keine Angst, den kriegen wir wieder ab. Schieb ihn erst einmal wieder etwas weiter drauf. Schickes Teil hast du da bekommen.“ Mutti Manuela wirft dabei einen Blick auf Ingo, was zur Folge hat das der rot wird. Ob sie jetzt den Ring oder ihren Freund meint, erfragt Stefanie jetzt lieber nicht. Währenddessen stellt die Mutter das Eiswürfelgefäß mit etwas Wasser in die Tiefkühlzone des Kühlschranks. Der Stadtbummel kann warten.

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    Als Vati mit Arne nach erfolgreicher Prüfung der Kühleinrichtung aus dem Garten zurückkehren, sitzt Stefanie mit der linken Hand in eine Schüssel mit Eiswasser getaucht am Küchentisch. Ein kurzer Blick von Vati und einem „Prüfen“ der Kühlflüssigkeit mit seinem Finger, meint der nur lächelnd: „Schick, den kannste auch dran lassen.“ Nein, der Ring muss ab, morgen kommen Stefanie s Freundinnen zur Geburtstagsfeier. Wenn die den Ring sehen! Der Ring muss ab! Es reicht schon, wenn die Ingo hier sehen. Einige Minuten später ist Stefanies Ring dank Mutti Manuelas Fachwissen wieder vom Finger runter. Trotzdem soll er geweitet werden. Nachher wollen sie ja noch zum Bäcker, die Geburtstagstorten abholen. Also können sie vorher noch schnell zum Goldschmied und den Ring dort anpassen lassen. Allerdings dann ohne Kathrin, die hat heute lange Nacht in Mehlsdorf und zieht sich nach dem Mittag zurück, in der Hoffnung noch Schlaf zu finden.

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    Gegen zwei Uhr nachmittags kommen Manuela, Stefanie und Ingo mit einem passenden Ring und den Geburtstagstorten wieder heim. Als sie durch die Eingangstür reinkommen, beaufsichtigt Kater Leopoldt sehr aufmerksam die Situation. Leider schließt sich die Tür vom Vorratsraum mit den eingelagerten Torten noch bevor er eintreten kann. Schade.

    Kathrin springt aus ihrem Liegestuhl auf und geht in ihr Zimmer, erst einmal hier aufräumen, Bett machen, Klamotten wegräumen und alles einordnen. Morgen geht es zur langen Nacht nach Mehlsdorf. Was jetzt? Arne müsste gleich hier sein. Heute war seine Prüfung in Wahrensberge. Wie das wohl gelaufen ist? Ob er sich auch so viele Gedanken um sie gemacht hat? Hoffentlich hatte das keinen Einfluss auf seine Prüfung. Fragen über Fragen.

    Kathrin geht vor zum Tor. Leopoldt will auch raus. Gut, dann soll der mitkommen, dann wird es nicht so langweilig. Egal, ob Arne zu ihr oder nach Hause fährt oder nicht – er muss hier vorbei. Also vor dem Tor gewartet. Nach einer halben Stunde hört Kathrin das vertraute Knattern von seiner Simme. Ihr Herzschlag beschleunigt sich. Ober er vorbeifährt? Das gelbe Moped kommt näher und bremst ab. Arne dreht in Richtung Haupttor ab und stellt sein Zweirad davor ab.

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    Kathrin steht vor ihm und beide schauen sich an. Keiner weiß so richtig, was er machen soll. Kathrin fragt einfach: „Wollen wir noch ins Koga gehen?“ Arne überlegt. Eigentlich wollte er duschen, aber das kann warten. Nach einem zögerlichen Ja geht es gemeinsam noch zum Koga.

    Als sie dort ankommen sind keine Gäste mehr da. „Ihr kommt wohl jetzt jeden Abend?“, fragt der Wirt verschmitzt, als er die beiden erblickt. „Setzt euch bitte hier hin.“ und er deutet auf die Hocker an der Theke, die anderen Stühle sind schon hochgestellt. Seine Frau kehrt gerade aus. „Nein, so oft wird es wohl nicht werden.“, sagt Kathrin „Morgen und übermorgen muss ich um die Zeit schon auf Arbeit sein.“ Der Wirt hantiert hinter dem Tresen rum. „Für euch habe ich trotzdem noch etwas, wollt ihr jeder eine Grüne Wiese?“ „Ja, das können wir gut gebrauchen, die nehmen wir.“ Beide bekommen ein schlankes Glas mit einem knallig grünen Getränk hingestellt. Zwei weitere, ebenfalls mit knallig grünen Getränk werden daneben abgestellt. Die Wirtin legt die heute Mittag noch weiß gewesene Schürze ab und setzt sich neben Kathrin.

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    „Dich habe ich schon gestern Abend beobachtet. Du hast mein Lieblingsband hier am Tonband abgespielt. Ich hatte das schon für meinen Feierabend eingestellt. Das hat mich in meiner Küche da hinten ganz schön überrascht, als die Musik plötzlich losging. Da hinten kriegste nicht viel mit. Weißt du, wenn du den ganzen Nachmittag in der Küche da hinten hängst und nur leise Radio hörst bist du froh über jeden Blick den du hier einmal durch s Fenster (die Durchreiche ist gemeint) werfen kannst. Du kannst da nicht weg und die ganze Zeit bist du alleine da drinnen.“ Kathrin versteht. „Ja, so ähnlich wird es mir ab morgen wohl auch gehen. Wie lange weiß noch keiner so richtig. Ich schätze mal drei mal die Woche ein viertel Jahr lang.“ Die beiden Frauen und Männer reden noch zwei Gläser weiter, dann steht die Wirtin auf.

    „Ich mache das hier schon acht Jahre jetzt.“, sagt sie und geht zu dem Tonbandgerät, welches immer noch auf dem Tisch neben der kleinen Tanzfläche in der Gaststube steht. Sie drückt die mittlere weiße Taste. Percy Sledge ertönt. Ihr Mann, der Wirt, kommt zu ihr auf die Tanzfläche und nimmt seine Frau in den Arm. Dieser Titel passt heute gut, meint Kathrin und schon zieht auch sie ihren Arne auf die Tanzfläche. Heute Abend zwei Paare auf der Tanzfläche, die unterschiedlicher nicht sein können und doch sich so gleichen. Besser das hier mit Kathrin auf der Tanzfläche als weiterer Stress mit ihr zu Hause, denkt der sich. Und so angenehm, seine Kathrin, endlich wieder in seinen Armen.

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    Noch einmal tönt es aus dem angeschlossenen Rema Andante. Und wie gestern wird es zu diesem Song kuschelig in dem Gastraum. Eng umschlungen tanzt das Paar Knappschritt-Stenzer im Takt der langsamen Musik. Nach dem letzten Titel nimmt Kathrin Arne an die Hand und beide gehen an die Theke. Es wird wieder hell und die angefangenen Gläser werden geleert. Dreiviertel Elf ist es jetzt, Arne bezahlt und es geht zurück zu Knappschritts. Arm in Arm laufen sie nach Hause. Das ist mein Mann, schön dass er mit mir nach Hause geht, denkt Kathrin glücklich. Nach dem heutigen Tag gibt es für bei beiden daran keine Zweifel. Die drei Damen auf der Bank vor dem Wohnblock gegenüber grüßen die beiden wieder freundlich. Es ist noch angenehm warm. „So ein schönes Paar.“, hört Arne noch im Vorbeigehen. Um kurz nach elf Uhr kommen sie in der Ackerstraße Nummer fünf an. Kathrin zieht ihren Arne zuerst ins Bad und nachdem beide frisch geduscht sind in ihr Zimmer. Sie selbst geht aber noch einmal nach draußen. In Muttis Sommerkleid und mit dem Duft aus einem Fläschchen aus Vatis Keller kehrt sie zurück.

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    Zwei Zimmer weiter liegen Ingo und Stefanie auf dem Bett und die kleine Knappschritt-Tochter umgarnt ihren Liebling. Plötzlich hält sie inne und fragt nach dem Kästchen von Oma Rosalie. Der seufzt und holt das Objekt der Neugierde hervor. Als sie den Deckel öffnen, kommen zu ihrer beiden Überraschung zwei Ringe 585er Gold zum Vorschein. Stefanie greift schnell zu und probiert, so wie sie eben nun ist, sofort den kleineren an der linken Hand. Einfach mal das Gefühl haben, wie das dann so sein wird. Irgendwann braucht man ihn sowieso. Auch Ingo trägt zur Probe mal den größeren Ring. Gute Nacht.

    Freitagnachmittag in Hohnstadt - Überlegungen

    Kathrin fährt mit dem 14 Uhr Zug rüber nach Hohnstadt. Dort angekommen eilt sie gleich runter zum Bahnhofsvorplatz. Heute ist ihre letzte Fahrstunde vor der Prüfung. Unten angekommen sucht Kathrin nach ihrem Fahrschulauto, eigentlich ein grüner Moskwitsch 2137. Keiner da, was ist da los? Plötzlich ruft eine Stimme von hinten. „Fräulein Knappschritt, heute hier.“ An einem Lada öffnet sich die Beifahrertür und Fahrlehrer Grimmig steht in der geöffneten Tür. „Wir müssen heute mit dem hier zurechtkommen. Den Mossi hat gestern Abend ein Fahrschüler geschafft. Der steht mit blockiertem Getriebe in der Werkstatt. Kommen sie, wir lassen es mit dem hier langsam angehen. Ist ja auch nur ein Russe.“, fügt er lustig sein wollend hinzu.

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    Kathrin erhält erst mal eine kurze Einweisung zu ihrem neuen Fahrzeug und was sich den von dem Mossi unterscheidet. Dann geht es los. Kathrin startet den Motor, legt den ersten Gang ein und lässt die Kupplung kommen. Der Schleifpunkt ist hier ganz anders und das Fahrschulauto möchte aus der Parklücke springen. Der Fahrlehrer kann dank des zweiten Kupplungspedals das Gröbste noch ganz gut abfangen. Nach weiteren zwei Sprüngen hat Kathrin den Dreh raus und es geht nochmals durch Hohnstadt, die markantesten Prüfungswege abfahren. Rechts vor links, Einbahnstraßen und einparken.

    Erst am zum frühen Abend kommt Kathrin wieder heim, aber nur Leopoldt ist da. Nach heftigen Protest (er habe heute noch gar nichts zu fressen bekommen) bekommt er seine Schale gefüllt. Sie geht in den Garten und macht es sich auf ihrem Liegestuhl bequem und lässt den Tag Revue passieren.

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    Sie war heute nach der Fahrstunde noch bei ihrer Freundin Viviane. Da war sie schon seit Längerem nicht mehr gewesen. Irgendwie sieht man seine Freundinnen erst mal nicht mehr, wenn man einen Kerl hat. Sie brauchte einfach mal jemand Vertrauten zum Quatschen – über die letzten Tage, ihre Gedanken und Ängste.

    Mittwoch hatte sie die örtliche Prüfung in Mehlsdorf bestanden. Das ist aber nur ein vorläufiger Arbeitsplatz. Kathrin erzählt, wie dieser so schnell freigeworden ist. Und dann kommt sie zum eigentlichen Thema. Was soll sie machen? Wie soll sie mit dieser blöden Situation jetzt umgehen? Arne war anscheinend gar nicht schuld an der ganzen Sache. Sie hat ihn schwer bezichtigt, mit einer anderen rumgemacht und geschwängert zu haben. Wie sich gestern Abend herausstellte, war das aber schon bevor sie zusammengekommen waren und schwanger war die auch schon. Na und nachdem die rausbekommen hatte, was der Erzeuger für einer ist, war die auf Suche nach einer anderen Lösung dieses Problems, quasi nach einem anständigen Mann. Arne hatte nur Angst die Schwangerschaft von Anja, von der er dachte, dass er der Erzeuger gewesen sei, seiner Kathrin zu gestehen und die daraus möglichen Konsequenzen zu tragen.

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    Nicht nur ihre Schwester, sondern auch Arne selbst hatten für die schnelle Aufklärung dieser Situation gesorgt. Ihre Schwester hatte die Zeit und die Muße in ihren Ferien aufgebracht, mit ihren bekanntermaßen originellen, aber nicht immer ganz legalen Ideen, nach einer Aufklärung dieses Problems zu suchen. Arne war sogar persönlich bei der Anja und hat sie zur Rede gestellt. Was soll Kathrin jetzt machen? Ihre Freundin Viviane meinte: „Ihr beide habt mit Anjas Kind nichts zu tun. Das ist nicht euer Problem und macht es auch nicht mehr zu eurem. Bedank dich bei deiner Schwester und zeig ihr, dass du wirklich froh bist, so eine Schwester zu haben. Und auch bei Arne, nicht bedanken, sondern versöhnen. Er hat seinen Teil getan und auch nichts falsch gemacht. Bei Euch lief es bisher anscheinend ganz gut, warum soll das nicht auch weiter so laufen? Bleib bei ihm, das ist ein ordentlicher Mann. Manchmal sehr schüchtern und zurückhaltend. Aber hey, sei doch froh, dass der so ist und nicht jeder dahergelaufenen Tusse hinterherhechelt. Nimm ihn an die Hand, das wird schon wieder. Geh am besten mit ihm heute Abend aus, denn du musst die bestandenen Prüfungen feiern – deine und seine. Und dann …. so weit, wie es eben geht. Die Männer vergessen dann unsere schlechten Seiten sehr schnell.“ Kathrin fällt ihrer Freundin um den Hals. „Danke, das habe ich gebraucht.“ Es geht ihr schon besser und sie verabschiedet sich. Beide nehmen sich vor, sich jetzt wieder regelmäßiger zu treffen.

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    Inzwischen in Hohnstadt

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    Drei Stunden vorher werden Stefanie und Ingo wach – oder besser gesagt, sie verlassen ihr Bett. Wach waren sie vorher schon, es gab aber noch eine Menge nachzuholen und so finden sich die beiden jungen Hoffnungsträger des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates unten in der Küche ein. Am (auf dem) alten Küchentisch (Erbstück von Großmutter Knappschritt) machen sie es sich gemütlich, ziemlich gemütlich, so vergeht eine weitere halbe Stunde, bis sie auch am selbigen Tisch sitzen und das Frühstück genießen. Aus dem Sternradio vom Küchenschrank tönt blechern das Vormittagsprogramm vom RIAS 2 aus Berlin. Seitdem die Störsender den Sender nicht mehr überlagern, ist der Empfang meistens recht gut. Kurz nach zwölf verlassen sie das Haus und Kater Leopold hat sein Reich für sich allein.

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    Es geht zu Ingos Eltern. Mit dem Bus bis zum Werk III des Chemiefaserkombinates – der modernste Werkteil hier in der Stadt. Moderne Webmaschinen fügen hier die Fasern zu modisch-schicken (über Geschmack lässt sich streiten) Assessors zusammen. Das stetige Ticken und Klacken der Produktionsanlagen dringt auf die Straße heraus, als Ingo und Stefanie sich auf den kurzen Weg zu der Wohnung der Familie Sommerlieb machen. Im zweiten Stock eines Mehrfamilienwohnhauses der 30er Jahre werden sie bereits erwartet. Sogar Oma Rosalie ist da. Der erste Urlaub ihres Enkels während seines Wehrdienstes und sogar die Freundin hat er dabei. Es gibt viel zu bereden, auszutauschen und zu bestaunen. Familienplanung wird in dieser Zeit noch groß geschrieben.

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    Zum Kaffeetrinken überreicht Oma Rosalie heimlich ein kleines Kästchen an Ingo. „Für später.“, sagt sie nur leise und fordert ihn auf, das kleine Geschenk sofort wegzustecken. Stefanie bekommt große Augen und bedrängt Ingo die ganze Rückfahrt über, mal dort reinsehen zu dürfen. Ausdauer und Standhaftigkeit hat Ingo nicht nur im Wehrdienst gelernt und so bleibt das kleine Kästchen erst mal zu.

    Das mit dem Arbeitsbereich des Baggers...Durchfahrten finden nur in Gleis eins statt (links im Bild), das ist weit genug weg und der Sipo ist gerade nicht im Bild zu sehen.

    Das Ganze spielt in den 80er Jahren bei der Deutschen Reichsbahn, da war man noch verantwortungsbewusst und selbst denkend, nicht so wie heute, wo einem jeder kleinste Fur... erklärt und mit einer Vorschrift reglementiert werden muss (soll). Deswegen reicht das Flatterband völlig aus.

    Freitagvormittag in Mehlsdorf - Einweisung

    Als Arne gestern Abend nach Hause kam, schlief Kathrin schon. Viel zu bereden hätte es ohnehin noch nicht gegeben. Abwarten. Heute früh zum Morgenkaffee waren beide sehr schweigsam. Ein leichter Kuss von Arne auf die Wange war der Abschied. Kathrins Gedankenexpress rast seitdem in ihrem Kopf. Was soll sie jetzt bloß machen? Ob Arne noch sauer auf sie ist? Wie geht es jetzt bloß weiter mit ihnen? Aber jetzt keine Zeit diese Fragen weiter zu überlegen. Rüber zum sechser Zug und ab nach Mehlsdorf, die Frühschicht wartet.

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    Einen Sitzplatz erkämpft und die kurze Strecke vor sich hingedöst. In Hennehof stiegen die Werktätigen der Frühschichten der umliegenden Betriebe noch zu und es wird voller. Zeit in den Vorraum zu gehen und bei den Klappsitzen noch eine F6 durchzuziehen, die Fahrzeit Hennehof-Mehlsdorf beträgt genau eine Zigarettenlänge. Als der Personenzug über die Einfahrweichen in Mehlsdorf klappert, drückt Kathrin die Kippe in dem Alu-Aschenbecher an der Klowand aus. Quietschend greifen die Bremsen und der Zug steht. Mehlsdorf – ein neuer arbeitsreicher Tag im jungen Eisenbahnerleben beginnt. Auf dem Bahnsteig kommt ihr ein älterer Mann – den Schulterstücken nach ein Hauptsekretär – auf sie zu und spricht sie an: „Guten Morgen, wir zwei werden heute zusammen hier den Dienst machen. Ich bin der Rudi Jung, heute wieder hier vorn der Fahrdienstleiter.“ Kathrin lächelt. „Guten Morgen. Ich bin die Kathrin Knappschritt.“ „Ja, wir hatten ja schon das Vergnügen, fein auch mal ein Gesicht zu der schönen Stimme zu sehen.“ Kathrin muss noch mehr lächeln, so ein netter Empfang vertreibt lästige Gedanken. „Lassen Sie uns erst mal die die Ablösung machen, dann können wir ja nachher noch einmal am Telefon uns unterhalten. Bis dahin.“ Beide gehen auf ihre Stellwerke. Während Kathrin über den Bahnsteig zu ihrem Arbeitsplatz eilt, denkt sie: Schön, dass man sich auch mal sehen kann, wenn man schon den ganzen Tag zusammenarbeitet. Wenn der Tag so gut beginnt, kann es ja nur besser werden. Sie dreht sich nochmal um und sieht den Kollegen in Richtung seines Dienstpostens entschwinden. 500 m sind hier doch eine ganz schöne weite Entfernung.

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    Nachdem Kathrin übernommen hat, verabschiedet sich die Frauke und geht hinunter. Als sie fast unten ist, klopft jemand an der Tür. Nicht schon wieder denken die beiden Frauen sich. So langsam hat man die Nase von diesen Herrschaften gestrichen voll. Kathrin steht oben an der Tür und horcht. Unten öffnet Frauke und vor ihr steht ein Mann im mittleren Alter. „Guten Morgen mein Name ist Erich Hintenrum, ich soll hier Einweisung zum Schrankenwärter machen.“ Frauke ruft hoch: „Kathrin hier kommt eine Einweisung für uns.“ Kathrin hat schon bei dem Namen große Augen bekommen. Auch das noch, das der ausgerechnet heute zur Einweisung kommen muss. Was soll es – Professionalität ist ihr zweiter Vorname. Dienst ist Dienst und privat bleibt privat. Das Beste draus machen. Sie ruft runter: „Ja schick ihn hoch. Und schließ rum!“ und etwas leiser: „Wir werden schon zurechtkommen.“

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    Kathrin wartet an der Tür. Von unten schlurfen Schritte langsam die Treppe hoch. Oben angekommen blicken sich beide kurz an – es entsteht eine kurze, aber trotzdem unangenehme Stille. So soll es also heute sein, die viel jüngere Kollegin gibt ihr Wissen an den Älteren weiter und trägt dabei auch die volle Verantwortung. Für beide eine Herausforderung.

    Zögerlich und mit zur Seite gewandten Blick kommt es vom ehemaligen FDJ-Sekretär: „Guten Morgen, ich soll hier Einweisung zum Schrankenwärter machen.“ Kathrin gibt sich einen Ruck und will das Ganze so gut wie möglich über die Bühne bekommen. Daher entscheidet sie sich für die freundliche Variante. Trotzdem soll er spüren wer hier das Sagen hat. „Guten Morgen komm rein, ich beiße ja nicht, ich arbeite nur hier.“ Freundlich zeigt sie zu den Spinten rüber. „Deine Sachen kannst du in einen der freien Schränke da drüben rein tun. Und dann setzt du dich da rüber und guckst erst einmal zu.“ Gesagt, getan. Der Anwärter auf den Schrankenwärterposten setzt sich an den Tisch in die Pausenecke und wartet auf die Dinge, die da auf ihn zukommen werden. Kathrin setzt sich an den Schreibtisch und inspiziert das Nummernbuch.

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    Von draußen dringt der Baulärm herein. Ein Poltern schreckt beide Insassen des Turmes hoch und Kathrin fragt: „Hast du schon einmal auf einem Stellwerk gearbeitet?“ Hintenrums Kopf nimmt an rötlicher Färbung zu. „Nein nicht so richtig.“ Kathrin schaut fragend zu ihm: „Was soll ich darunter verstehen?“ - „Immer, wenn es so weit war, konnte ich es nicht, ich habe es immer wieder versaut. So bin ich eben nicht aufs Stellwerk gekommen.“ Ja und dann wurde dir langweilig im Büro des Lademeisters und du hast angefangen rumzuschnüffeln und anderen das Leben schwer gemacht – nein sogar versaut. Dieser Gedanke trifft Kathrin und sie beschließt ihn ganz schnell wieder zu ignorieren.

    Das Zustimmungsfeld rattert kurz an. Ein Glück, so kann man sich über betriebliche Vorgänge unterhalten. „Siehst du, jetzt kommt Arbeit. Ein Blick nach draußen, ist das Gleis frei? Ja, dann Zustimmung hingeben.“ Kathrin legt den Fahrstraßenhebel g1 um und blockt das Zustimmungsfeld dazu. „Nun kann unser Fahrdienstleiter Einfahrt machen.“ Das Befehlsempfangsfeld b rattert. „So, nun zuerst die Schranke zu, los mach mal. Aber sieh dabei zum Übergang hin, nicht das du jemanden die Schranke auf den Kopf haust.“ Zaghaft dreht der Hintenrum die Schranke herunter.

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    „Und jetzt noch einmal ein Blick nach draußen. Ist nach Zwintscheritz zu frei? Ja. Dann Fahrstraßenhebel rein, elektrisch festlegen und zum Schluss Signal B ziehen.“ Der Neuling schaut interessiert, aber immer noch unsicher. „Das kannst Du gleich schon mal machen.“ Mühsam sucht Hintenrum zwischen den wenigen verbliebenen Hebeln die B. Wie sich herausstellt es ist jetzt der erste Hebel nach den Blockfeldern, die zwei A-Hebel sind schon lange weggebaut. An sie erinnern nur noch ein paar Löcher in der Hebelbank und im Fußboden. Hintenrum greift nach dem Hebel und wuchtet, nichts passiert. Kathrin schaut zu ihm. „Die Handfalle musst du drücken. Schon vergessen?“ Kathrin schaut angespannt – hoffentlich lässt der nicht noch auf halben Weg los, auf eine Störung hat sie jetzt gar keine Lust. Der Hebel gleitet wohlwollend nach unten und der Flügel des Signals B hebt sich leicht klappernd. Von weitem ist das Quietschen der Klotzbremsen des Personenzuges zu hören. Kurz danach ein greller Pfiff, der Diesel der 118er tourt wieder hoch und der Personenzug nährt sich dem Stellwerk. „Zugbeobachtung nicht vergessen. Das ist dir bekannt?“ Hintenrum nickt nur und begreift auf welcher Position er sich hier jetzt befindet. Kathrin schaut raus und grüßt den Lokführer am offenen Fenster.

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    Katharina war mit diesem Zug mitgekommen und will nach dem Rechten schauen. Sie begrüßt die Anwesenden und erkundigt sich wie es geht. Kathrin ist erst mal erleichtert – nicht mehr allein mit dem hier oben. Nach weiteren Fragen an den Neuanwärter für den Schrankenwärterposten, will die junge Ingenieurin noch wissen wer vorne ist. „Der Rudi Jung.“, bekommt sie zur Antwort. „Gut, dann nehm ich mal den neuen Kollegen mit nach vorn, der soll hier mal alles noch kennenlernen – auch wenn das hier bald alles verschwunden ist.“ Kathrin ist erleichtert für die nächsten zwei Stunden allein sein zu können. Gegen elf ist die Einweisung zurück und der alltägliche Betrieb geht weiter. Kathrin lässt den Strafversetzten die Schranke bedienen und beobachtet, wie er beobachtet – die Fahrwege und die Schranke. Anfänglich muss Kathrin den Hintenrum immer wieder an das Schließen der Schranke erinnern.

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    Eine Spitze kann sie sich dabei nicht verkneifen. „Hier ist keine Signalabhängigkeit für die Schranke gegeben. Nach Langenweddingen hatte unsere Partei- und Staatsführung das zwar für alle Übergänge in der Zeitung vollmundig angekündigt. Aber naja, du siehst es ja selbst.“

    So vergeht der Tag der Einarbeitung ohne weitere Vorkommnisse. Beide beschränken sich auf betriebliche Gespräche. Zur Übergabe ist Kathrin froh, dass der Tag vorbei ist. Morgen hat sie lange Nacht, da kann sich jemand anderes um den Herrn kümmern.

    Donnerstagnacht bei Hohnstadt (Teil3) - Geisterstunde in Neu-Zwintzscheritz

    Nachtschicht in Neu-Zwintzscheritz. Patricia hat heute Dienst. Eigentlich ein ganz angenehmer Dienst hier oben auf dem Spurplanstellwerk. Das Stellwerk ist dank der strategischen Bedeutung dieses Abzweiges eines in der modernsten Bauart bei der Deutschen Reichsbahn.

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    Neben der einfachen Bedienung sind auch die Annehmlichkeiten für das Stellwerkspersonal hier nicht zu verachten. Toilette gleich mit am Stellraum, eine kleine Einbauküche mit Elektrokochfeld sowie einer Zentralheizung, die im Winter auch wirklich den Stellraum hier oben schön warm hält. Das fließend warmes Wasser und die Dusche eine Treppe tiefer runden das Arbeitsvergnügen hier ab. Daher arbeiten hier auch überwiegend Frauen – noch. Aber bald wird Mehlsdorf von hier ferngesteuert werden und dann werden hier auch mehr Männer zu den Schichten erscheinen. Ob das jetzt besser oder weniger gut ist, wird sich zeigen. Vielleicht ist dann endlich der passende für Patricia dabei. Bisher hatte sie ja nicht so viel Glück mit den Männern. Ihre letzte Beziehung liegt jetzt genau drei Wochen zurück. Jetzt will sie erst mal keinen Mann mehr sehen, so ihr Vorsatz. Nicht das erste Mal einer dieser Art, die fast genauso lange halten wie ihre eigentlichen Männergeschichten. Zum Glück ist sie von den unzähligen Romanzen bisher nicht schwanger geworden – wenigstens etwas.

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    Ein Kohlependel rumpelt unten vorbei. Der Geräuschpegel hält sich dank der Doppelgasisolierfenster hier oben in Grenzen. Gerade meldet Patricia den Zug zur nächsten Zugmeldestelle weiter, da nimmt sie aus dem Augenwinkel ein Flackern auf dem Stellpult war. Ist da gerade das Vp auf Halt gefallen und dann wieder nach einer halben Sekunde auf Fahrt? Sie schüttelt ihren Kopf und kneift die Augen zusammen. Blödsinn! Sowas kann sie heute gar nicht gebrauchen. Seitdem die Bauarbeiten laufen, kommt es hier immer mal wieder zu kleinen Störungen. Nichts Ungewöhnliches – aber eben bitte nicht diese Nacht. Von ihr aus morgen, da hat Ulrike Dienst, der gönnt sie es gern. Schließlich hat sie ihr den Roland ausgespannt. Diese blöde Kuh. Einfach auf der letzten Disco mit dem angefangen… Was war das? Weiche 21 flackert rot auf und wird dann wieder weiß. Was zum…

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    Jetzt wird ihr das unheimlich und sie behält das Pult im Blick. Draußen brummt ein alter Wartburg über den Bahnübergang. Von weiten kann sie die Lichter des Wohnviertels der östlichen Vorstadt von Hohnstadt sehen. Sie starrt sich an den Lichtpunkten des Straßenverkehrs auf der Landstraße nach Hohnstadt fest.

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    Dabei bemerkt sie nicht, wie Signal P kurz grün verlischt, dann rot aufflackert und schließlich wieder ganz normal angezeigt wird. Zugmeldung von Mehlsdorf. Der Spät-Eiler nach Dessau wird angekündigt. Patricia stellt den Fahrweg ein. Start und Zieltaste gedrückt und fertig. Der Rest geht von allein, der ganze Keller (oder besser gesagt der Anbau) ist dafür voller Relaistechnik. Die Fahrstraße leuchtet in Gelb-weiß auf dem Pult. Dort kann sie auch die Vorblockung und dann die Annährung des Zuges verfolgen. Mehr noch nicht. denn alles andere wird ja gerade in Mehlsdorf vorbereitet. Plötzlich fällt Signal P auf Rot und kurz danach zeigt es wieder Fahrt an. Nur eine halbe Sekunde. Weiche 21 flackert auch wieder. Der Zug fährt allerdings ohne Probleme durch, die aktuell befahrenen Abschnitte leuchten dabei rot auf und erlöschen dann, sobald der Zug diese wieder verlassen hat. Einsehen kann sie von hier oben die untere Strecke nicht und auch keine Zugbeobachtung machen.

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    Da hat es teilweise schon Gleisfreimeldung und den Schluss des Zuges muss sie noch über einen flackernden Monitor feststellen. Das soll sich aber auch bald ändern, ein Lückenschluss der Freimeldung bis Hennehof durchgängig ist ja im Bau. Gerade schreibt sie den Zug ins Zugmeldebuch ein, da fällt der ganze Bereich um das Signal P sowie Weiche 21 und 22 auf Rot. Ein kurzes Flackern, dazu ein kurzes Bim des Störungsweckers und alles ist wieder normal. So langsam ist ihr das nicht mehr geheuer. Plötzlich wird alles auf dem Tisch rot und dann alles wieder normal. Patricia greift zum Bereitschaftsverzeichnis und will die Nummer der Signalwerker raussuchen da vernimmt sie ein tiefes Brummen aus dem Anbau mit der Relaistechnik und der ganze Tisch ist rot. Was er dann auch bleibt. Toll! Patricia ruft die Bereitschaft.

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    In Hohnstadt klingelt in einer viel zu kleinen Zweiraumwohnung das Telefon und reißt eine junge Familie aus dem Schlaf. Karsten und Otto haben diese Nacht Bereitschaft für die Signalmeisterei Hohnstadt. Der Dienstapparat von Karsten Kabelknecht (wir erinnern uns – der Schnauzbart unter dem Schreibtisch des W2) klingelt unerbittlich. Verschlafen meldet er sich und Patricia trällert ihm aufgeregt ihre Erlebnisse mit der Stellwerkstechnik lautstark ins Ohr. Inzwischen ist die ganze Familie wach und die beiden kleinen Töchter fangen an zu weinen. Mit einen „Ja, wir kommen.“ legt Karsten auf und beruhigt erst mal seine beiden Kleinen. Der Blick seiner Frau sagt ihm wieder dasselbe, wie zu all den anderen Bereitschaftsnächten auch schon. So kann das nicht weitergehen! Sie steht nun auch auf und kümmert sich um die Kinder. Irgendwas muss er sich einfallen lassen. So eine kleine Wohnung, das kann tatsächlich nicht länger so weitergehen. Morgen gibt es bestimmt wieder Krach mit seiner Peggy.

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    Anziehen, rein in den Barkas und los den Otto abholen. Auf nach Neu-Zwintscheritz, die Patricia braucht dringend Hilfe. Die würde auch in anderen Lebenslagen dringend Hilfe brauchen, aber die eingebildete Schnepfe hat ihn abblitzen lassen. Also kann er nur seiner dienstlichen Pflicht bei der nachkommen. Dort angekommen stellen sie den Barkas auf den kleinen Parkplatz vor dem Turm ab, schnappen sich ihr Werkzeug und klingeln unten an der Tür. Über die Wechselsprechanlage meldet sich eine schon leicht panisch klingende Frau und öffnet ihnen über den Summer die Tür. Mal sehen, ob die nicht wieder Gespenster gesehen hat.

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    Aber schon auf dem Flur können sie das tiefe Brummen aus dem Anbau vernehmen. Nein die spinnt wohl nicht und als sie oben vor dem rot erleuchteten Stelltisch stehen, bestätigt sich der Notfall. Also runter in den Keller und nach dem Übertäter gesucht. Patricia gibt ihnen den Schlüssel für den hintersten Raum. Sie müssen außen herum gehen. Der Umformer klingt ganz schrecklich. Wie sie die Tür öffnen, gesellt sich ein elektrisch-metallischer Duft dazu.

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    Nach einer halben Stunde Umformer umschalten und Funktion prüfen sowie austragen der Störung im Störungsbuch sind sie schon wieder auf dem Heimweg, da denkt Karsten noch einmal an den gestrigen Vormittag. Otto hat er inzwischen auch schon wieder abgesetzt. Die junge und frische Kollegin, die er in Mehlsdorf geneckt hatte. Wäre das nicht was für ihn?

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    Noch plagt ihn sein Gewissen. Er hat drei Mädels und ein hellbraunes Buch der Familie Kabelknecht. Karsten und Peggy steht auf dem Einband. Neben der Heiratsurkunde verschönern noch dazu zwei Geburtsurkunden von Jenny und Cordula dieses Buch. Eigentlich eine schöne kleine Familie, wenn da nicht … heut früh gibt’s bestimmt wieder Krach. Karstens Stirn legt sich in Falten und etwas liegt ihm bleiern im Magen. Etwas muss sich ändern. Ganz dringend.

    Ganz leise schleicht er sich in seine Zweizimmer-Wohnung. Er legt sich wieder ins Bett und schläft mit dem Gedanken Wie mache ich das, das sich etwas ändert? wieder ein.

    Und damit ist dann bereits Freitag.

    Donnerstagabend in Hohnstadt (Teil2) - Überraschung für Stefanie

    Kaum hat das Ersatzpaar Knappschritt-Stenzer das Koga betreten, winken schon Stefanies Freundinnen von einem der Tische zu. „Dich haben wir ja schon lange nicht mehr hier gesehen.“ Interessiert schauen sie auf Arne. „Und das ist dein Neuer?“ Arne verdreht die Augen. „Nein, mein Schwager, wisst ihr doch, den habe ich mir für heute ausgeborgt.“ Hinter vorgehaltener Hand fährt sie fort: „Ehekrach, nicht die beste Stimmung zu Hause.“ Kichern. „Die große muss sich erst mal beruhigen.“ Arne „flüchtet“ an den Männertisch, wo er mit Handschlag und Hallo begrüßt wird und man ihm sofort ein Bier ordert. Die üblichen Gespräche beginnen an beiden Tischen. Stefanie setzt sich zu den Mädels, schön, endlich mal wieder hier zu sein. So gern wie sie auch hier ist, ohne Begleitung nicht mehr, die Kerle sind dann nur lästig. Freundinnen anwesender Männer sind tabu - und wenn nicht, gibt’s Notfalls ein paar auf die Glocke. Auch keine Seltenheit hier. Es gibt eben immer wieder welche, die sich an die Regeln nicht gewöhnen können oder wollen. Schmerz ist dann oft der beste Lehrmeister. Also stürzt man sich lieber auf die Mädels/Frauen ohne Begleitung.

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    Gespräche und Biere laufen und eine halbe Stunde später steht Stefanie auf und geht in Richtung Tresen. Ein Tonbandgerät Pluto steht dort auf dem Tisch neben der kleinen Tanzfläche der Gaststube. Stefanie beugt sich über das Tonbandgerät und schaut dann zum Wirt fragend hinüber: „Darf ich?“ - „Wenn nicht du, wer denn sonst? Die mittlere Weiße.“, bekommt sie zur Antwort. Sie drückt die Taste und das Gerät läuft an. Aus dem angeschlossenen Rema Andante tönt: Hanne Haller. Schnell nochmal auf Stopp gedrückt, etwas wieder zurückspulen und dann den Arne holen. Dieser Titel passt heute gut zu ihrer Stimmung. Ehe Arne sich versieht, zottelt sie ihn mit auf die Tanzfläche. Im Vorbeigehen am Tonbandgerät drückt sie wieder Start. Als einziges Paar des Abends tanzen Stefanie und Arne allein auf der Tanzfläche. Arne hat nichts dagegen, Besser das hier mit Stefanie als weiterer Stress mit Kathrin, denkt er sich… und es ist ja auch nicht gerade unangenehm mit der.

    Ein Song nach dem anderen schallt durch den Gastraum. Der Wirt muss erst von diversen Platten überspielt haben. Nach der Lola von den Kinks will Arne allerdings zurück zu seinem Tisch gehen. Gerade will er sich von der „kleinen“ Knappschritt lösen, da ertönt eine markante Stimme aus dem Rema Andante: Crimson and clover (die fast sechs Minuten lange Version - wie Arne allerdings erst viel zu spät feststellen konnte). Arne spürt, wie Stefanie ihm ihre Arme auf die Schultern legt und ihre Hände an seinem Nacken verschließt. Ihr Kopf legt sich an seine Wange. Eng umschlungen bewegen sie sich langsam zum Takt des Kuschelsongs. Arne wird nicht nur im Gesicht ganz heiß. Der Wirt denkt, das ist doch das Paar Arne Stenzer – Kathrin Knappschritt, na denen mache ich es mal kuschelig und das Licht, bis auf das der Thekenbeleuchtung, verlischt. Gut so, denkt sich Arne, dann sieht uns keiner so genau hier, vor allem ihm und seine Stimmung.

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    Als der letzte Akkord des Songs verstummt ist, löst sich Stefanie von Arne. Ihre Stimmung ist nun etwas besser und beide gehen an ihre Tische zurück. Das Licht kommt wieder. Robert meint mit Blick auf Stefanie zu Arne: „Deine Kathrin ist ja heute ganz schön wild.“ - „Ja, das habe ich heute auch schon bemerkt.“, antwortet er etwas nachdenklich. Dreiviertel Zehn schaut man sich an und Arne bezahlt die offenen Posten. Es geht zurück zu den Knappschritts in die Ackerstraße. Stefanie und Arne laufen mit den Armen um die Hüften. Das ist Kathrins Mann, sind Stefanies Gedanken, schön, dass er die „Schwägerin“ nach Hause bringt. Und nach dem heutigen Tag gibt es bei den beiden auch keine Zweifel mehr daran. In der Ackerstraße stehen drei ältere Damen und beobachten das vorbeilaufende Paar: „Guten Abend.“, grüßen die beiden. „Guten Abend Kathrin.“ kommt es von älteren Damen zurück.“ „Gut, dass die beiden sich so gut verstehen.“, hört Arne noch im Weitergehen. Wenn die wüssten, wie knapp das heute schon war. Minuten später erreicht das Paar die Nummer fünf der Ackerstraße – zu Hause. Es ist kurz vor 22 Uhr. Oben angekommen, schiebt Stefanie Arne mit etwas Nachdruck in Kathrins Zimmer. Jetzt seid ihr dran, denkt sie sich noch und setzt sich an den Tisch im Flur und schreibt noch an ihren Ingo. Am Mittag hatte sie schon einen Brief an ihren Liebsten eingeworfen, nun kann morgen in aller Frühe der Nächste eingeworfen werden.

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    Während Stefanie die letzten Zeilen ihres Briefes schreibt, klingelt es unten an der Tür. Stefanie schreckt hoch. Wer kann das denn noch sein? Unten geht Vati Knappschritt zur Hauseingangstür, macht das Gartenlicht an und schaut durch das Flurfenster. Ein uniformierter Mann steht am Gartentor. Die Polizei? Nein, die sehen anders aus. Also die Gartenlatschen angezogen und zum Tor untergelaufen. Dort wird er gleich begrüßt: „Guten Abend, Soldat – äh, Ingo Sommerlieb. Ich würde gern zu Stefanie Knappschritt.“ Der Herr des Hauses schaut dem Besucher in die Augen und lächelt leicht. „Ach, Sie sind das, na dann kommen Sie erst mal rein.“ „Ingo!“, tönt es von der Haustür. Stefanie rennt die Gartentreppe runter, stürmt an ihrem Vater vorbei und fällt ihrem Liebsten um den Hals. Vom oberen Flurfenster hatte sie alles mitverfolgt und musste zweimal hinschauen, um wirklich sicher zu sein, dass es ihr Ingo ist. Etwas verblüfft schaut ihr Vater auf die beiden, so hat er seine „kleine“ Tochter ja auch noch nicht erlebt. „Kommt doch erst mal rein.“, ruft Mutter Knappschritt von oben leise und macht eine auffordernde Handbewegung.

    Im Flur fängt Stefanie sofort an ihre Eltern anzuflehen: „Darf Ingo hierbleiben? Bitte!“ Große Rehaugen schauen vor allem den Vati an. Beide Elternteile schauen sich an. Schließlich zuckt Vater Knappschritt mit den Achseln. „Na warum eigentlich nicht, was spricht dagegen. Wenn die Große ihren Herrenbesuch ständig hat, dann darf die Kleine das auch.“ „Psst, seid doch leise, die andern beiden schlafen schon und müssen morgen zeitig raus. Lasst uns ins Wohnzimmer gehen.“, sagt Manuela und schiebt alle vom Flur. In der Sitzecke mit der brauen Ledercouch und dem Mufuti davor nehmen alle Platz und Ingo erzählt, wie er zu seinem Sonderurlaub gekommen ist. Während eines zweitägigen „Waldspazierganges“ hatte Ingo eines der besten Schießergebnisse mit der AK47. Nur drei der Frischlinge konnten ein ähnliches Ergebnis vorweisen. Beim heutigen Apell fanden die Ehrungen statt und die Zuteilung des dreitägigen Sonderurlaubes. Die Fahrkarte nach Hohnstadt übergab ihm der Schreiber gleich zusammen mit dem Urlaubsschein. Und nun ist er hier. Stefanie strahlt. Zwei fast volle Tage mit ihrem Schatz hier zu Hause und dann auch noch ihr Geburtstag am Wochenende. Was kann schöner sein?

    Donnerstagnachmittag in Hohnstadt (Teil1) - Stefanie schlichtet

    Arne kam kurz vor sieben in der Ackerstraße an und hat sich nach oben zu Kathrins ins Zimmer geschlichen, wo er gebührend empfangen wurde. Dort ging es dann auch gleich hoch her. Unten bekam man nur solche Fetzen mit: „…wie kannst du nur, du Scheusal du…“, und auch ein paar weitere beleidigende Äußerungen Arne betreffend. „Ich wollte doch nur … reden.“ „Musste das denn sein. Kriegst du hier nicht genug?“ – „Lass mich doch mal erklären!“, braust jetzt auch Arne auf. Manuela, anscheinend gerade beim Backen gewesen, steht gespannt auf der Treppe und lauscht, was in Kathrins Zimmer los ist. Stefanie kommt von draußen rein und Mutter Knappschritt deutet die Treppe hoch und legt den Zeigefinger auf ihren Mund. „Ja, ich weiß!“, sagt sie. „Da kann ich helfen. Ich war nämlich zur Schwangerenberatung bei Dr. Sanfthand in der Praxis.“ Mutti Knappschritt entgleisen die Gesichtszüge, sie lässt das Nudelholz fallen: „Du auch? Könnt ihr denn nicht vorsichtig sein?“ - „Ich schon, ich bin schussfest, bei mir gibt es nichts zu beichten.“, wobei sie mit beiden Händen über ihren Unterbauch streicht. „Ich will aber gleich mal da drinnen schlichten gehen. Hab gute Neuigkeiten.“, sagt sie siegessicher, geht die Treppe hoch und klopft an Kathrins Tür.

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    „Jetzt nicht!“ tönt es von drinnen höchst ärgerlich, „Du störst!“ Sie klopft noch mal an. „Was gibt’s denn so Wichtiges?!“ „Ich habe ein paar Neuigkeiten für euch.“ Von drinnen wird geöffnet. „Wenn es unbedingt sein muss, dann komm rein.“ Stefanie tritt ein und lässt die Tür offen stehen. Vor der verheulten Kathrin bleibt sie stehen. „Der voraussichtliche Niederkunftstermin der Anja ist der 1. Oktober und damit ist die schon längst nicht mehr im Dritten.“ Zu Arne gewandt: „Wann hast du die Zusammenkunft mit der gehabt? Und war das die Einzige dieser Art?“ „Am 5. April.“, kommt zaghaft zur Antwort. „Weiter war da nichts?“ „Nein.“ Stefanie tritt an den Wandkalender heran, fährt mit dem Finger abwechselnd in beide Richtungen zählend darüber hinweg: „Da kann man vorwärts oder rückwärts rechnen wie man will, Arne hat maximal von deren Kind noch die Ohren umsäumt, geschossen hat vorher ein anderer, ich hab da so eine Vermutung wer das war.“ „Johann?“, fragt Kathrin. Arne schüttelt mit dem Kopf. „Nein, der war es diesmal nicht.“ Erschrocken schauen Stefanie und Kathrin ihn an. Was kommt denn jetzt? Arne erzählt von seinem Besuch bei Anja und der Sichtung der dortigen Familienverhältnisse. Kathrin schaut ihn entgeistert an. „Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?!“ „Wollte ich ja, aber du hast mich ja nicht ausreden lassen.“

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    Entsetzt, nein, irgendwie anders stehen sich die zwei Streithähne jetzt gegenüber, die Spannung ist mit diesem letzten Worten erst einmal raus. Mit einer Unschuldsmiene fährt Stefanie fort: „Ja und ich habe einfach mal in der Schwangerenberatung in der Akte der Anja geblättert und dabei ist mir das aufgefallen.“ „Mir kam die auch schon so dick vor.“ meint die mit Tränen verunzierte Kathrin. „Also ich wars doch nicht!“, sagt Arne jetzt sicher. Stefanie ist schon wieder in ihrem Element: „Wie auch? Du warst für diesen Termin viel zu spät da drauf.“, kontert sie mit frechem Blick. „Ich war da nicht drauf, die war auf mir.“ meint der völlig überraschte Arne. „Das ist hier nicht ausschlaggebend!“, fährt Stefanie wie immer schulmeisterisch fort: „Ein Richter würde dich ja auch nur Fragen, ob du die Beiwohnung durchgestanden hast und nicht wie.“ Arne wird rot. Nach einer kurzen Pause fährt Stefanie fort. „Seit wann seid ihr zusammen?“ „Ich würde sagen seit dem 18. April.“ „Das passt auch. Oder besser auch nicht. Arne war dir treu!“, sagt die kleine Schwester etwas schärfer zur Großen, die nur noch abwinkt. Kathrin muss alles erst einmal für sich verarbeiten.

    Stefanie hat da eine nicht ganz uneigennützige Idee. „Kathrin kann ich mir bitte mal deinen Mann für heute Abend ins Koga ausborgen?“ und an Arne gerichtet: „Arne, wann musst du morgen zur Arbeit?“ „Früh, rüber nach Wahrensberge.“ Stefanie bohrt weiter: „Kannst du mit mir noch für zwei Stunden ins Koga gehen?“ Arne nickt, auch ihm würde die Ablenkung gut tun – dass er erst am Mittwoch unterwegs war, muss ja keiner wissen. Stefanie schaut ihre Schwester abwartend an. „Ja, geht da mal, ich muss erst einmal für mich hier fertig werden, der Tag in Mehlsdorf war mehr als anstrengend.“, sagt Kathrin. „Kann ich deine Wisent Jacke und deine five-pocket haben? Dann fällt den Kerlen im Koga nicht so schnell auf, dass ich das bin. Bei dir sind die nicht so aufdringlich.“ Ohne mit den Wimpern zu zucken, zieht sich Kathrin die Levis 806 aus und reicht sie der Schwester rüber. „Ja nimm nur, die anderen zwei sind noch auf der Leine.“ Aus ihrem Schrank gibt sie noch eine geleichterte Wisent Sommerjacke dazu. Mutti Knappschritt bleibt mit offenem Mund an der Tür zu Kathrins Zimmer stehen, durch welche die „Kleine“ mit ihrer Beute das Zimmer gerade wieder verlässt. Ein kesses Weib hab ich da großgezogen, denkt sie noch und macht sich wieder an die Arbeit, um ihr Backwerk zu vollenden.

    So machen sich die kleine Knappschritt-Tochter mit dem Freund der großen Knappschritt-Tochter auf ins Koga.

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    (und wenn es die passend gekleideten Figuren mal irgendwann gibt, dann können die auch ins Geschehen gesetzt werden....)

    So....zurück zum Lauf der Geschichte.

    Und in Mehlsdorf auf dem W2? – Kurzschluss!

    Kathrin schaut, als der Chef weg ist, auf den Dienstplan. Irgendetwas stimmt da nicht. Der Hahn hat doch nur von Blasewitz gesprochen. Einer allein kann doch so viele Schichten nicht abdecken. Kathrins Denkfalte erscheint auf ihrer Stirn. Ach egal, sei es drum, der wird schon wissen, was er tut ... und wenn nicht, was soll sie es kümmern. Unten rumort es. Türen von einem Barkas werden zugeschlagen, Stimmen sind zu hören und kurz danach lautes Gelächter.

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    Mit einem letzten Blick auf den Dienstplan kommen andere Gedanken zurück. Arne und sie – sie und Arne. Bevor sich dieses Denkspiel in Kathrins Kopf breitmachen kann, klopft es an die Eingangstür. Von unten dringt es gedämpft nach oben: „Schließ mal auf!“ Kathrin schnappt sich den Schlüssel und eilt die Treppe runter. Im Moment ist keine Zugfahrt zu erwarten. Draußen stehen Gründraht und seine Mannen. Ach ja, die haben sich ja auch angekündigt. Es wird sich förmlich begrüßt und im nächsten Augenblick wuchten schon zwei Blaumänner irgendetwas großes Schweres aus ihrem Fahrzeug und wollen damit nach unten in den Spannwerksraum. „Wir kommen zurecht.“, entgegnet knapp einer der Herren. Kathrin zuckt mit den Schultern und geht wieder hoch. Auch die werden wissen was sie zu tun haben. Nach einer halben Stunde kommt ein hagerer Mann mit Schnauzbart noch oben und wirft sich, ohne eine Wort zu sagen, unter den Schreibtisch. Seine Arbeitshose scheint ihm anderthalb Nummern zu groß zu sein. Ob der wohl immer in die Schächte kriechen muss? Die nächste Zugfahrt rettet Kathrin vor weiterem Kopfkino. Grinsend leiert sie die Schranken runter. Ein Glück kann der sie nicht sehen.

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    Das übliche Spiel auf dem Mehlsdorfer W2 nimmt seinen Lauf. Schrankenkurbel drehen, Blockinduktor kurbeln, Signal- und Fahrstraßenhebel stellen – immer dasselbe. Trotzdem bleibt sie aufmerksam, bloß nicht nachlässig werden. Gerade der ewig gleiche Ablauf kann zu Leichtsinn führen. Da sind die lautstarken Verständigungen über Anschlusspunkte von Kabeln der Männer vom Grühndraht-Kollektiv eine Auflockerung. Außerdem tut sich vorn an der Schranke ebenfalls was. Da beginnen heute die Arbeiten zur Erneuerung der Schrankenanlage. Das Fundament für das kleine Schalthaus wird ausgehoben sowie die nötigen Erd- und Schachtarbeiten zum Aufbau der WSSB-Schrankenanlage kommen langsam in Fahrt. Von weiten kann sie das Treiben durch die Bäume schwach erkennen. Ja die Bäume – die kommen endlich auch alle weg, damit wieder freier Blick auf den Übergang herrscht.

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    Kathrin macht sich inzwischen an der Kaffeemaschine zu schaffen. Unter dem Schreibtisch fragt es nach oben: „Machst du uns auch mal bitte einen Kaffee mit?“. Das kennt Kathrin nur zu gut aus Hennehof. „Wieviele seid ihr denn?“, fragt sie freundlich. „Dreie.“, kommt es spontan zurück. Also macht sie vier Kaffee fertig. Mit dem letzten Röcheln der AKA ruft Kathrin laut durch den Stellraum: „Kaffee ist fertig!“ und bringt drei Tassen sowie die Kanne frischen Kaffee, nebst Milch und Zucker zum Pausentisch. Drei Signalwerker kommen von unten hoch, finden sich am Tisch ein und machen sich ihr Heißgetränk zurecht. Dabei bindet der Löffel der kleinen Zuckerdose weitere Zuckerkristalle an der sowieso schon vorhandene braune Kruste und lässt diese zusammen mit dem frischen Kaffee weiter anwachsen. Kathrin verdreht die Augen und schließt nebenbei die Schranke und macht Ausfahrt nach Zwintscheritz, dann setzt sie sich selbst mit in die Runde an den Pausentisch. Gerade als sie ihren Kaffee vor sich abgestellt hat, stellt ein vierter Kollege (der unter dem Schreibtisch lag) einen Stuhl neben ihr hin und rührt mit einem Schraubenzieher, den er aus der Brusttasche seiner Uniformjacke zieht, Kathrins Kaffee um. „Das war doch meiner!?“, bemerkt er trocken dazu.

    004-Bauarbeiten

    Kathrin springt auf. „Dann nimm du den!“ Die Worte gehen im Lärm eines vorbeidröhnenden Güterzuges fast unter. Kathrin schaut nach dem Zugschluss, stellt den Signalhebel B zurück, blockt mehrfach, öffnet die Schranke und macht sich an der Kaffeemaschine einen neuen Kaffee. Nur nicht provozieren lassen. Das kennt sie doch alles schon aus Hennehof. Immer dasselbe. Der ihr bisher noch unbekannte Kollege will sie doch nur testen.

    Mit einer neuen Tasse Kaffee nimmt sie in der Runde wieder Platz. Jedoch nur kurz, die nächste Durchfahrt lässt nicht lange auf sich warten. Als die Anforderung zur Fahrwegsicherung kommt, nimmt sie ihre Tasse zur Hebelbank mit. Der erste Kollege der Signalwerker ist fertig und geht wieder in den Spannwerksraum hinunter. Eine Minute später ruft der eine Frage nach blau zwei hoch. Widerwillig erhebt sich der Kollege mit dem Schraubenzieher und legt sich rücklings wieder unter den Schreibtisch. Zu gerne hätte er die Kathrin noch etwas weiter geärgert.

    005-Einfahrt-Mehlsdorf

    Jetzt muss er sich allerdings auf die richtige Zuordnung der Adern in diesem Kabel konzentrieren. Ein Andernpärchen nach dem anderen wird durchgeprüft und entsprechend verschaltet. Auf dem Schreibtisch klingelt die Zentrale OB Sprechstelle. Kathrin eilt mit ihrer Tasse in der Hand zum Ruf des Fahrdienstleiters. Dort angekommen setzt sie sich schwungvoll in den kleinen Drehstuhl und berührt dabei mit ihrer Fußspitze leicht den Bauch des am Boden liegenden Signalwerkers. Zum allgemeinen und erheiternden Gelächter der noch anwesenden Kollegen am Pausentisch zuck der derb zusammen. „Oh, oh, oh, das hätte aber auch schlimmer ausgehen können.“, setzen die zwei noch nach. Kathrin grinst, erhebt sich von ihrem Stuhl, wobei sie, diesmal voller Absicht, wieder knapp über den Bauch des Strippenziehers mit ihrem Fuß streift. „Vorsicht ist hier das oberste Gebot auf unserem Turm.“, lässt sie süffisant den unten liegenden Delinquenten noch wissen und wendet sich pfeifend wieder der bevorstehenden Durchfahrt zu. Damit sind die Fronten für heute hier erst einmal geklärt.

    006-W2-Feierabend

    Kurz vor Feierabend zeigen ihr die Signalwerker schon einmal die Bedienung der Bauweicheneinheit und die Bedeutung der dazugehörigen Anzeigen. Die Stellstromsicherungen sind natürlich noch herausgedreht. Die Bauarbeiten schreiten jetzt immer schneller voran und demnächst soll es auch wieder zweigleisig von und nach Zwintscheritz gehen, geben sie noch betont wichtig bekannt.

    Hallo Anton und alle Mitlesende,

    erst mal Danke für die schönen Worte. Jörg hat schon viel geschrieben und auch gesagt. Vieles aus der Geschichte entstammt aus Erinnerungen und selbst erlebtem. Teilweise etwas überspitzt, aber in einem Comic (Satire) ist sowas ja (noch) erlaubt.

    Entstanden ist die Geschichte aus einer Laune heraus und keiner hat damit gerechnet, dass sie so lange läuft. Während des Schreibens kommen Erinnerungen zurück und so entstehen neue Anekdoten, immer gewürzt mit etwas Ironie und vielen Verbindungen in unsere heutige Zeit. Wie Jörg schon schrieb - Geschichte wiederholt sich und wer aus derselbigen lernt, der sollte diese Fehler eigentlich nicht wiederholen - nun ja...Versuch macht klug, kann als Argument jedenfalls nicht mehr gelten. Und ja, unsere Geschichten sollen auch zum Nachdenken oder fallweise zum Selberdenken anregen - ob es klappt oder nur als Unterhaltung dient, dass sei jedem selbst überlassen.

    Die Geschichte lebt von den vielen Kleinigkeiten, dem Alltäglichen, den Dialogen und von den Bildern. Die Namensfindung der Protagonisten ist dabei nur eine kleine Würze. Überwürzen wollen wir die Geschichte auch nicht, deswegen ist es uns wichtig ein ausgewogenes Verhältnis von Alltag und fachlichem Wissen einzubringen. Zu viel fachlicher Hintergrund würde den Rahmen der Sache sprengen und es würde schnell langweilig werden. Ich werde mich aber weiter bemühen, den einen oder anderen Internetlink für weiterführende Erklärungen einzufügen. Es soll auch kein Fachbuch über Eisenbahntransporttechnik oder dem Gebrach der Fahrdienstvorschrift werden. Für Interessierte empfehle ich auch gern den Besuch einer historischen Eisenbahn, dort wird gern und viel über in immer mehr Vergessenheit geratene Stellwerks- oder Streckentechnik geredet und erklärt. Aber auch Tante Kugel liefert viele Erkenntnisse - auch wenn die nicht immer ganz richtig sind.

    Daher wünschen wir weiterhin gute Unterhaltung, den einen oder anderen Flash aus/in die Vergangenheit und vor allem Spaß und Freude am Lesen. Solange es läuft, solange läuft es eben...

    Liebe Grüße vom Autorenteam Stefan und Heiko und Jörg.

    Donnerstagfrüh in Mehlsdorf

    Während Arne noch seinen Rausch in der Koje des stramm riechenden Bauwagens ausschläft, ist Kathrin bereits auf dem Weg zu ihrer ersten alleinigen Schicht auf dem Mehlsdorfer W2.

    Als sie zur Ablösung der Nachtschicht dort oben ankommt, ist zu ihrer Überraschung auch der Genosse Hahn da. Der war heute früh zur Nachtkontrolle in Mehlsdorf. Immer wieder sind die Kollegen zu ermahnen, ablenkende und den Dienst (oder auch die Gesinnung) beeinflussende Rundfunkgeräte während der Schichten nicht zu betreiben. Es hält sich zwar sowieso keiner daran, aber er muss das ja mal erwähnt haben. Bei dieser Gelegenheit will er sich auch gleich noch die Übergabe ansehen, vor allem die von der neuen Kollegin hier. Da passt es zu dieser frühen Stunde doch ganz gut.

    001-W2

    Bevor er sich verabschiedet, hat er noch eine kurze Mitteilung zu machen: „Da der Hahn wieder da ist.“, wobei er sich auf die Brust tippt. „Gibt es noch zwei zusätzliche Abordnungen hier für das W2, denn der (Hahn) hat noch weitere geprüfte Kollegen freilenken lassen.“ Wieder reckt er die Brust heraus. Wirklich wie ein Gockel, denkt Kathrin und schiebt diesen Gedanken lieber wieder schnell beiseite, bevor sie noch zu grinsen anfängt. „Der Kollege Blasewitz kommt für ein paar Schichten hierher.“ „Der Direktor?“, fragt Kathrin. „Ja, aber erst nächste Woche zur Nachtschicht und dann ein paar Mal früh hier auf dem Turm.“ - „Ja gut sind ja Ferien!“, kann da Kathrin nur erwidern. Der alte (Noch)Chef trägt von einem mitgebrachten Blatt die Schichten in den Dienstplan ein. „Blasewitz in einer Woche Montag und Dienstag früh.“, redet er leise vor sich hin und kritzelt mit dem Bleistift die entsprechenden Einträge unter leichtem Lächeln in die Vorlage. „Und sie Kollegin, an diesen Tagen in Hennehof mit Frau Ackermann, aus Ihnen muss doch noch etwas werden, oder nicht?“ Kathrin nickt nur, was soll sie dazu noch sagen? Damit verabschiedet der Hahn sich und lässt Kathrin in Ruhe arbeiten.

    Inzwischen in Mehlsdorf - Kathrins Prüfung auf dem W2 (Teil2)

    Der Personenzug hält am Bahnsteig eins. Der Zugführer gibt das Abfahrtssignal, in der Ferne läuft daraufhin stufenweise der Diesel wieder hoch. Als der letzte Wagen das Signal F passiert hat, kurbelt Kathrin die Schranke wieder auf und legt die Hilfssperren auf ihren Platz, der Fahrstraßenhebel kommt wieder in die Mittelstellung. Gerade als sie die soeben abgelesene Nummer der Ersatzsignalbedienung noch im Nummernbuch notiert, kommt der nächste Zugmelderuf herein. Kurz darauf ruft der Fahrdienstleiter. Kathrin geht ran. „Hier Knappschritt.“ „Kathrin, es geht in Richtung Hennehof auf der eins. Ich bleibe gleich mal dran…“ Wieder nimmt Kathrin alle nötigen Handlungen in der richtigen Reihenfolge vor, bis das Ersatzsignal am Einfahrsignal A zu blinken beginnt. Wieder ist die Quittierung des Lokführers zu vernehmen. Diesmal sind jedoch zwei 12KVD zu hören, die wieder hochlaufen. Zwei 110er, verbunden mit einer Leitung zur Vielfachsteuerung (liebevoll auch Mauz und Hoppel genannt), setzen ihren langen D-Zug wieder in Bewegung. Es muss wohl einen Ausfall einer 132er gegeben haben, sonst würde man nicht auf so eine Idee für den D-Zug kommen.

    007-Mauz-und-Hoppel

    Aufmerksam beobachtet Kathrin das Vorbeifahren des Zuges und schaut nach Auffälligkeiten. Nichts zu sehen und der Schluss ist auch am Leuchten. Die beiden Prüfer stehen im Raum und sagen die ganze Zeit nichts. Kathrin ruft wieder den Fahrdienstleiter: „Zug vom falschen Gleis mit Schluss nach Gleis eins eingefahren. Ersatzsignal erloschen.“ - „Danke, und das Ganze noch zweimal von Zwintzscheritz. Ich bleibe dran...“ Die Schranke hat Kathrin gleich zugelassen, ebenso sind die Hilfssperren und Fahrstraßenhebel an ihren Positionen verblieben. Noch einmal einen Blick nach draußen. In der Ferne blinkt das Ersatzsignal an der F und der D-Zug entschwindet gerade in der Ferne. Sie wartet noch bis das Ersatzsignal aus ist und das Gleis 1 frei ist dann wieder die Meldung: „Zugfahrtssicherungsmeldung, Fahrweg vom falschen Gleis nach Gleis eins gelegt und gesichert.“ Der Fahrdienstleiter wiederholt und Kathrin legt auf. Noch schnell die soeben abgelesene Nummer der Ersatzsignalbedienung im Nummernbuch notiert und schon blinkt die weiße Leuchte der Ersatzsignalbedienung wieder. Aktivierung wie im letzten James Bond Film, nur ohne zweiten Mann. Eine einzelne 120er quittiert das weiße Blinklicht und nähert sich schnell dem Bahnhof. Kathrin verfolgt die vorbeifahrende Lokomotive, an der hinten zwei kleine rote Lichter leuchten. Wieder die Meldung an den Fahrdienstleiter und die Nummer aufgeschrieben.

    008-120er-W2

    Jetzt die Hilfssperren ab und die Fahrstraßenhebel zurück, dann die Schranke aufkurbeln. Zwei Autos der Sowjets stehen schon davor. In der Ferne vor dem Signal F kommt die Lok zum Stehen, an dem Grenzpfahl zwischen den Fahrwegprüfbezirken ist sie vorbei.

    Jetzt meldet sich der Postenleiter Gründraht mit einer Frage zu Wort: „Wie ist zu blocken?“ Kathrin antwortet sofort: „Die zu blockende Taste vollständig niederdrücken und dann mit zwei Umdrehungen in der Sekunde kurbeln, solange bis das Feld sich vollständig verwandelt hat.“ Nächste Frage: „Was machst du, wenn du nach dem Blocken halbe Taste hast?“ - „Noch einmal nachblocken, höchstens drei Mal, wenn nicht i. o. dann Störungsmeldung an den Fdl abgeben.“ - „Was machst du, wenn ein Feld beim Entblocken halbe Taste hat?“ - „Die das Blocken abgebende Stelle um ein Nachblocken bitten. Von Zwintzscheritz aus wird das meist nicht gehen.“ Gründraht nickt zufrieden, fragt aber weiter. „Die Zugeinwirkstelle nach Durchfahrt löst nicht aus? Was ist zu tun?“ – „Signal von Hand zurücklegen, Störungsmeldung an den Fahrdienstleiter, es geht nicht vorzublocken und es kommt damit auch kein Rückblock. Blockstörung, das wickelt unser Fahrdienstleiter mit Zwintzscheritz ab. Bei der jetzigen Einfahrt hatte das keinen Einfluss, bei einer Ausfahrt fällt das Signal nicht mehr auf Halt, von Hand zurücklegen...“ „Reicht, reicht!“, winkt der jetzt ab und unterschreibt der wortlos das Prüfungsprotokoll.

    009-Anschluss

    Jetzt will Katharina noch was wissen: „Wie kommt eine Anschlussfahrt aus der Anschlussbahn?“ „Zustimmung vom Fahrdienstleiter übers Telefon holen, Schranke zu, Schlüssel nehmen, Kathrin deutet auf die Hebelbank, hier oben abschließen und rüber denen die Gleissperre aufschließen und aufklappen.“ Katharina nickt, will aber mehr und nickt zum Blockschrank rüber. „Mach mal, hol den Schlüssel raus.“ Kathrin nimmt den Hebel am Schloss hoch und dreht den Schlüssel raus. „Gut so, mach den wieder rein.“ Was der Prüfling auch prompt wieder macht. „In Ordnung so, du hast es geschafft. Meine Glückwünsche.“

    Auf dem Protokoll stehen nun zwei Unterschriften: Reichsbahnhauptassistent Kathrin Knappschritt in Mehlsdorf W2 als Stellwerkswärter geprüft. Gründraht RB Oberinspektor, Große RB Inspektor.

    Noch ein gemeinsamer Kaffee und dann verabschieden sich die Gäste und Prüfer. Kathrin ist erleichtert. Diese Prüfung hat sie schon mal bestanden. Bleiben noch zwei. Einmal Fahrschule und einmal Arne. Bis Dienstende verläuft alles friedlich und mit dem 14 Uhr Zug macht sich Kathrin auf den Heimweg. Dort hat sich inzwischen Stefanie in der Umgebung etwas umgehört.

    010-Muetterberatung

    Drei Stunden vorher war Stefanie unterwegs in der Stadt. Sie sucht nach Informationen zu Arne und Anjas Problem. Und sie hat eine Idee. Sie geht zur Praxis von Dr. Sanfthand, denn dort ist heute Mütter- und Schwangerenberatung. Mit diesen Themen hat sie aktuell nicht unbedingt etwas zu tun, aber zum Feierabend muss dort aufgeräumt werden. Freiwillige sind dort dafür ganz gern gesehen. Tische abwischen, Akten wegräumen, Stühle hochstellen und auskehren. Alles, was für die Vorbereitung des nächsten Tages so notwendig ist. Stefanie setzt sich erst einmal in die Reihe der Wartenden. Nicht, dass sie eine Beratung nötig hätte, nur jemanden abholen… ist ja nichts Ungewöhnliches. Stefanie ist eine vorbildliche und hilfsbereite junge Frau. Das macht sie doch gern. Nachher aufräumen und mal in die eine oder andere Akte geschaut. Genaugenommen in eine ganz bestimmte und sie wird fündig…

    Inzwischen in Mehlsdorf - Kathrins Prüfung auf dem W2 (Teil1)

    Mutter Manuela Knappschritt, sportlich fit im braunem ASK-Trainigsanzug, bringt ihre Tochter heute nochmals persönlich zu ihrer Arbeitsstelle nach Mehlsdorf. Die war heute früh immer noch durch den Wind. Als sie aufstand war Arne schon weg. Lediglich ein Zettel lag auf dem Nachschrank. „Ich liebe nur dich. Ich kläre das. Bis bald.“ Wütend hatte Kathrin den Zettel zusammengeknüllt und durchs Zimmer gefeuert. Beim Frühstück starrte die ältere Tochter gedankenverloren in die Luft. „So fährst du mir nicht mit dem Zug. Ich bring dich rüber.“, waren die Worte der besorgten Mutter. Auf der Fahrt wurde die Sache mit Anja und Arne nochmals besprochen. „Triff keine unüberlegten Entscheidungen, mein Liebes. Das klärt sich sicher alles auf.“ Kathrin starrte nur geradeaus in die beginnende Dämmerung und sagte lediglich: „Mal sehen. Ich hab heute Prüfung. Will darüber jetzt nicht mehr reden.“ Also fuhren die beiden schweigend weiter bis zu ihrem Zielort.

    Oben auf W2 erwartete Karin sie zum gemeinsamen Genuss je einer Duett. Nachdem diese aufgezehrt waren und noch ein paar Informationen ausgetauscht wurden, wie zum Beispiel: Lass das Radio da lieber im Blechschrank, geht es für Mutter Knappschritt flott nach Hause, Manuela will noch vor sieben im Büro sein.

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    Um 8 Uhr soll Kathrins örtliche Prüfung beginnen. Der zuständige Postenleiter, Kollege Oberinspektor (!) Gründraht war bereits kurz vor um da und sieht seitdem zu, wie Kathrin ihre Arbeit verrichtet. Viel zu tun ist ja hier nicht mehr. Auf dem einen Gleis hin und her fahren und die Schranke bedienen. Alle paar Tage mal den Anschluss der Sowjets befahren lassen und vielleicht haken die drei noch benutzten Fahrstraßenhebel ab und zu oder ein Blockfeld steht vielleicht mal halbe Taste. In ein paar Wochen ist mit diesem Stellwerk hier sowieso Schluss, dann dient es nur noch als Schrankenposten. Der Personalmangel bleibt trotzdem bestehen und die Sache mit den wegbröckelnden Betonschwellen scheint in dieser Gegend auch größere Kreise zu ziehen.

    002-Lada-Hennehof

    Aber wo bleibt Katharina? Die sollte heute ebenfalls zu Kathrins Prüfung anwesend sein. Anscheinend kommt sie von den Mitarbeitern einer alles beherrschenden Behörde nicht weg. Seit Tagen forschen sie nach Mitwissern für einen Vorfall, der es bis in die Tagesschau geschafft hatte. Niemand scheint etwas gewusst zu haben. Da ist rein gar nichts von niemanden herauszubekommen, auch nicht von der seit ein paar Tagen amtierenden und kommissarischen Chefin des Bahnhofs Hennehof. Seit zwei Jahren ist sie Mitglied der LDPD und seit zwei Wochen direkt nach Erhalt ihres Diploms hier als Leiterin des Betriebsbüros eingesetzt. Der Genosse Hahn kommt morgen erst wieder. Der wird sich bestimmt auf die Fragestunden freuen. Oder hat er von der Situation schon erfahren? Jedenfalls müssen Ergebnisse her und vielleicht, so die heimliche Hoffnung, kann man doch noch etwas aus der jungen Frau herausbekommen. Die gesamte Parteigruppe Mehlsdorf war von einem auf den anderen Tag verschwunden, im wahrsten Sinne des Wortes abgetaucht. Und was für ein großartiges, kämpferisches Parteiprogramm hatten diese „Genossen“ noch Tage vor ihrer Auszeichnungsreise bei der Kreisleitung abgegeben?! Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

    Nach einer weiteren halben Stunde müssen die Herren wieder einmal erfolglos aus dem Bahnhofsbüro heraustreten, um mit ihrer forschenden Tätigkeit woanders fortzufahren. So kann nun Katharina ihrer Arbeit wieder nachgehen, die sofort in Mehlsdorf auf dem W2 anruft und mitteilt, dass sie später kommt. Sie nimmt gleich den Personenzug um neun und wird dann direkt zur Prüfung dazukommen.

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    Als sie um 9:12 Uhr endlich oben auf dem W2 ankommt, begrüßt sie zunächst die drei Anwesenden und wendet sich dann direkt an Kathrin. Wie geht es ihr, wie kommt sie zurecht und ist sie in der Lage, die Prüfung heute abzulegen. Alles so weit in Ordnung, ja(?), dann kann es losgehen. Ablauf wie die letzten Tage auch.

    Der Personenzug ist weg und Kathrin kurbelt die Schranke hoch und schaut dabei nach draußen. Laut scheppernd fällt der Flügel des Signals B auf Halt. Daraufhin legt sie den dazugehörigen Signalhebel B zurück. Nun noch Fahrstraßenhebel b zurückgelegt, nach Zwintzscheritz vorgeblockt und den Befehl b an den hiesigen Fahrdienstleiter zurückgegeben, indem sie die Taste des Befehlsempfangsfeldes drückt und dabei den Blockinduktor heftig kurbelt. Nach weiterem Kurbeln und gleichzeitigem Drücken der Taste Fahrstraßenauflösung g1 3 löst sie noch dem Fahrdienstleiter die Einfahrstraße von Hennehof für den Personenzug auf. Kurz darauf rattert das Zustimmungsabgabefeld g1 und löst einen Klack im Block aus und somit kann sie den Fahrstraßenhebel g1 zurücklegen. Katharina schaut auf den Block. Nichts kommt.

    004-Mehlsdorf

    „Was haben wir für eine Betriebssituation?“, fragt der Kollege Gründraht. „Eingleisiger Behelfsbetrieb. Alle Züge haben den Bahnhof verlassen, der Rückblock von Neu-Zwintzscheritz fehlt noch.“ kommt die Antwort von Kathrin. Katharina wendet sich kurz dem SF-Postenleiter zu. Das Blockfeld von Neu-Zwintzscheritz rattert ganz gleichmäßig und wird weiß. Ein Zugmelderuf auf der Leitung von und nach Neu-Zwintzscheritz kommt der nächsten Frage zuvor. Kurze Zeit später klingelt auf dem Tisch der Ruf des Fahrdienstleiters und Kathrin geht ran. „Hier ist Knappschritt.“ - „Kathrin, jetzt geht es in die andere Richtung, von Zwintzscheritz auf der eins. Ich bleibe für dich gleich mal dran ….“ Kathrin legt den Hörer ab, dreht die Schranke zu. Aus der Ferne macht sich herannahende Zug mit seinem Drucklufthorn bemerkbar und rollt langsam weiter auf den Bahnhof zu.

    005-Einfahrt-P

    Kathrin öffnet das Fenster und wirft einen Blick nach draußen (Fahrwegprüfung!). Und wieder geht der ewig gleiche Arbeitsablauf los. Fahrstraßenhebel b in Hilfsstellung legen, eine rote Hilfssperre drauf, den Zustimmungshebel g1 auch in Hilfsstellung und auch hier eine Hilfssperre drauf. Der Zug hat das Einfahrsignal A fast erreicht. Kathrin nimmt den Hörer auf und meldet: „Zugfahrtssicherungsmeldung, Fahrweg vom falschen Gleis nach Gleis eins gelegt und gesichert.“ Der Fahrdienstleiter wiederholt und es wird aufgelegt. Das weiße Licht vom Ersatzsignal fängt wieder an zu blinken und Kathrin greift nach einem weiteren Blick nach draußen an den Schlüssel und schaltet mit einer gekonnten Rechtsdrehung das Ersatzsignal ein. Ein kurzer Ton aus dem vorhin schon gehörten Drucklufthorn bestätigt die Aufnahme des Signalbegriffes durch den Lokführer. In der Ferne vernimmt man den Hochlauf eines 12KVD, wie dieser eine 110 mit ihrem Zug wieder beschleunigt. Aufmerksam beobachtet Kathrin das Einfahren des Zuges.

    Dabei erzählt sie eher beiläufig: „Beim Falschfahren kann ich hier nichts blocken, einfach die Fahrstraßenhebel in die Hilfsstellung und die Sperren drauf.“ Bei der Vorbeifahrt des Zuges schaut sie nach Auffälligkeiten. Nichts zu sehen. Der Schluss, zwei rote Lampen, leuchtet gut sichtbar an dem letzten Bghw-Wagen. Kathrin sieht nach dem Block, das Ersatzsignal ist erloschen. Sie ruft den Fahrdienstleiter: „Zug vom falschen Gleis mit Schluss eingefahren, Ersatzsignal erloschen.“ „Danke, jetzt noch dreimal das Ganze von Zwintzscheritz. Schluss.“

    006-Personenzug-Bahnsteig

    Immer noch Dienstag - Unwetter

    Kurz vor elf kommt Kathrin zu Hause an. Arne ist noch wach und schaut sie unruhig an, als sie ihr Zimmer betritt. „Ist was?“, fragt sie müde. Nach der anstrengenden Schicht will sie eigentlich nur noch schnell unter die Dusche und dann ins Bett. Arne schaut verlegen. „Du Kathrin, ich muss dir was sagen.“ Draußen poltert die kleine Schwester vorbei, die Tür geht auf. „Ihr seid noch wach?“ „Ja, du störst!“, faucht Kathrin, die nichts Gutes ahnt. „Ja, ich geh ja schon…“, sagt sie und stellt sich in Hörweite in den Flur. Da stimmt doch was nicht. Arne fährt leise fort. „Die Anja hast du doch gesehen letzten Freitag?“ - „Ja habe ich. Die ist schon ganz schön rund.“ Kathrin schaut erwartend zu Arne, der fährt ganz zaghaft fort: „Das könnte ich gewesen sein.“ Kathrins Augen weiten sich. „Was du?! Was hast du denn damit zu tun? Kriegst du denn bei mir nicht genug?“ Arne versucht zu erklären. „Doch, doch das ist so schön mit dir, aber bevor wir zusammen waren ... hatte ich die Anja mal....“ Kathrin holt tief Luft. „Schön, und das Ergebnis sieht man jetzt!?“ Schweigen. Vor der Tür raschelt es. „Mann, hör auf zu Lauschen!“, schreit Kathrin. Das war ihr jetzt zu viel. Erst der lange Tag, dann diese Nachricht und dann wieder die nervige Schwester. Die Tür geht auf und Stefanie betritt das Zimmer.

    009-Ackerstrasse

    „Gestern auf der Post hab ich die auch gesehen, als ich dort Briefmarken geholt hatte. Da hab ich schon gehört, dass die Anja nach einem … nach einem wie soll ich sagen ... eben nach dem „richtigen“ Mann sucht.“ Niemand sagt etwas. Arne und Kathrin schauen in verschieden Richtungen. „Wenn ich ihr wäre, würde ich erst einmal Informationen sammeln. Ohne diese kann man keine vernünftige Entscheidung treffen. Streitet euch nicht!“ fordert Stefanie auf. „Wir haben beide einen langen Tag hinter uns und sind müde. Was sollen wir da jetzt noch machen?“, fragt Kathrin ziemlich resigniert, eine Träne läuft ihr die Wange runter. „Ihr beide ruht euch jetzt aus. Ohne euch weiter zu zoffen! Ich gehe morgen mal auf die Pirsch und höre mich mal um. Bestimmt bekomme ich etwas heraus! Glaubt mir, ist besser so. Arne wenn dir noch was einfällt, wann das mit der Anja genau war und wen die noch so hatte, wäre das auf alle Fälle nützlich.“ Arne nickt und Kathrin verlässt das Zimmer in Richtung Dusche. Arne will sie umarmen. „Lass mich!“, sagt Kathrin und geht weiter. „Bis morgen, ich finde was raus. Ganz bestimmt.“, lächelt ihm Stefanie zu und geht in ihr Zimmer. Als Kathrin nach einer Stunde in ihr Zimmer zurückkehrt, liegt Arne noch wach. Er will sich zu ihr drehen. „Nein, bitte nicht. Ich muss nachdenken. Bleib besser morgen erst mal drüben in Wahrensberge.“ Mit diesen Worten dreht sie sich um und sagt kein Wort mehr. Kein Gute Nacht oder irgendein anderes Wort ist an diesem Abend noch in diesem Zimmer zu hören. Es wird Zeit zu schlafen, beide haben morgen wieder frühen Dienst. Ob die ihren wohlverdienten Schlaf auch finden werden?

    Auch am Dienstag - Kabelbruch

    Nach den Hausarbeiten ging es für Kathrin mit dem ersten Nachmittagszug rüber nach Mehlsdorf und kurz vor zwei betrat sie den Stellwerksraum auf dem W2. Leo, die Frühschicht, war noch da, Karin, die Spätschicht, noch nicht.

    So erzählt er Kathrin die Neuigkeiten des Tages zur Übergabe (sie muss das ja auch lernen). In der Nacht ist die neue Weiche 31 in das Gleis nach Zwintzscheritz eingebaut und verschlossen worden. Außerdem waren wieder zwei Herren da und haben Fragen zu den ehemaligen Kollegen gestellt. Irgendwie scheinen die immer noch nicht verstanden zu haben, dass dieses hier ein isolierter Einzelarbeitsplatz ist, wo man nur ab und zu mit dem Fahrdienstleiter spricht. Sonst war nichts weiter los, nur die üblichen Durchfahrten.

    Ein Schlüssel klappert unten im Schloss, die Tür wird geöffnet und gleich wieder verschlossen. Kurz darauf betritt Karin den Stellraum. Man begrüßt sich. Leo erzählt vom Einbau der neuen Weiche und von den unangenehmen Besuchern. Karin übernimmt den Dienst und Leo verabschiedet sich. „So, dann wollen wir mal.“, holt Karin aus und sucht nach ihrem Radio. „Wo ist das denn? Ich hab es doch gestern hier hingestellt.“ Im oberen Fach des Spindes ist es nicht zu finden. Sie sucht weiter. „Komisch, ich war mir sicher, dass ich es gestern hier oben hingestellt habe.“, sagt sie, als sie es im mittleren Fach etwas weiter hinten findet. Kathrin macht eine Horchgeste mit ihrer rechten Hand. Karin nickt. Was soll es, die wissen es doch sowieso. Was wollen die eigentlich? Mithören – ja, ganz wahrscheinlich genau das.

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    Ein Zugmelderuf auf der Leitung von und nach Zwintzscheritz klingt durch den Raum. Kurze Zeit später klingelt das Fahrdienstleiter-Telefon und Kathrin geht ran. „Knappschritt, Guten Tag.“ „Du Kathrin, Zugfahrt in Richtung Hennehof. Gib mir bitte eine Sicherungsmeldung. Ich warte …“

    Kathrin legt den Hörer ab und dreht die Schranke zu. Von draußen aus der Ferne hört man das langgezogene Geräusch eines Drucklufthorns. Ein Zug rollt langsam auf die Schachbretttafel an der Einfahrt zu. Einen Blick nach draußen und den Fahrstraßenhebel b in die Hilfsstellung gelegt, Hilfssperre drauf; den Zustimmungshebel g1 auch in die Hilfsstellung und auch hier eine Hilfssperre drauf. Der Zug nähert sich. Kathrin nimmt den Hörer wieder ans Ohr und verkündet: „Zugfahrtssicherungsmeldung, Fahrweg vom falschen Gleis nach Gleis eins gelegt und gesichert.“ Der Fahrdienstleiter wiederholt und Kathrin legt auf. Karin sitzt in der Ecke am Pausentisch und beobachtet das Geschehen. Heute soll Kathrin alles allein durchführen. Eigentlich könnte sie nachher auch nach Hause gehen und die Wäsche machen.

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    Die weiße Anzeigeleuchte unterhalb des Schlüsselschalters für das Ersatzsignal A beginnt zu blinken. Kathrin greift nach einem weiteren Blick nach draußen an den Schlüsselschalter A und dreht ihn nach rechts. Die Lampe geht in Dauerlicht über und Kathrin lässt den Schlüsselschalter los. Ein kurzer Ton aus dem schon gehörten Drucklufthorn bestätigt die Aufnahme des Signalbegriffes durch den Lokführer. In der Ferne vernimmt man die Gesänge einer 132, wie diese wieder beschleunigt. Das tiefe Brummen der Fahrmotoren in Verbindung mit dem leichten Tuckern des Diesels bestimmt die Geräuschkulisse für Sekunden, wieder vibriert alles. Die zwei Frauen am Fenster grüßen den Lokführer des Dresdner D-Zuges und machen ihre Zugbeobachtung. Nichts Besonderes. Der Schluss leuchtet und alle Türen sind zu. Kathrin dreht die Schranke hoch, nimmt die Hilfssperren ab und stellt die Fahrstraßenhebel wieder hoch in die Mittellage. Öder Alltag. Karin schaut zu Kathrin rüber. „Was denn?“, fragt Kathrin grinsend. Karin nickt in Richtung Hebelwerk.

    „Ach ja!“, ruft Kathrin und haut sich leicht an die Stirn „Ich muss ja noch die Nummer der Ersatzsignalbedienung notieren“. Darauf macht sie Männchen, um die Ziffern in dem kleinen Schaufensterchen ablesen zu können und trägt diese dann im Nummernbuch ein.

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    Aus dem gläsernen Wandschrank mit den zwei roten Schlössern und „vielen“ Relais der Bauform I ertönt ein leiser Klingelton. „Was ist denn jetzt los?!“, fragen sich beide Frauen und schauen sich am Hebelwerk um. Draußen hupt es und Baggerfahrer Greifdenberg winkt zum W2 rüber. Kathrin geht ans Fenster und öffnet knarrend die alten hölzernen Doppelfenster. Vom Bagger ruft es rüber: „Ich habe ein altes Bleikabel hier erwischt, war das noch wichtig?“ Der kann Fragen stellen! „Ja und wie das wichtig ist! Uns klingeln hier oben die Ohren! Das Einfahrsignal von Zwintzscheritz her ist erloschen, das Vorsignal auch.“ Nur noch der Kopf des Baumaschinenführer leuchtet, der Rest ist dunkel. „Wartet, lasst alles stehen und macht erst mal nicht weiter.“ Karin schaut zur Blockwand. Die rote und die gelbe Anzeigelampe sind aus. Sie drückt erst mal die Glocke weg.

    005-Maleur

    Der OB-Befehlsfernsprecher über der Fo-Leitung klingelt an. Kathrin schaut auf Karin und geht ran: „Hier W2, Knappschritt.“-„Hier nochmal Greifdenberg, wir haben da anscheinend ein altes Bleikabel erwischt. Habt ihr das…“ Mit einem lauten Knacken schaltet sich Fahrdienstleiter Jung, der älteste aktive Kollege in Mehlsdorf mit ein: „Hier Jung was ist los?“ „...das gemerkt?“ „Ja haben wir!“, antwortet Kathrin. Fahrdienstleiter Jung: „Was ist passiert ich habe das nicht gehört.“-„Hier der Baggerführer Greifdenberg, wir haben da anscheinend ein altes Bleikabel erwischt. Ist das noch wichtig für euch?“ „Ja das ist das vom Einfahrsignal A vom Vorsignal Va. Beide sind erloschen.“, teilt Kathrin nochmals deutlich mit. Der Fahrdienstleiter gibt die Anweisung an den Missetäter: „Geh mal bitte an den Fernsprecher vom Signal A und versuche uns auf B1 und W2 mal anzuklingeln. Wir müssen wissen, ob der wenigstens noch geht. Ich kümmere mich erst mal um alles andere. Dann erst einmal Schluss.“

    Karin ruft zum Baggerfahrer zum Fenster hinaus: „Da vorn, der Fernsprecher!“ und zeigt nochmal in Richtung A, worauf sich der Bagger in diese Richtung in Bewegung setzt. Karin schließt die Tür vom Stellraum auf und wendet sich zu Kathrin: „Du, ich gehe mal in die Aufsicht vor, da hängen unsere UFT 22-Funkgeräte und hole die her. Vielleicht reichen die von der B1 bis zur A vor. Der hat anscheinend mehr erwischt als er sagt.“

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    Der Zugverkehr ruht. Nach zehn Minuten kehrt der Bagger zurück und der Steuermann ruft rüber: „Zwei Kabel sind durch, das Telefon gibt auch keinen Mucks mehr von sich.“ Als ob ichs geahnt hätte, denkt Kathrin und ruft rüber: „Also doch zwei…dann wartet im Baugleis. Wir müssen den nächsten Zug erst mal hier durchkriegen.“ Sie schließt das Fenster und schon klappert der Schlüssel in der Tür.

    Karin kommt mit drei UFT-22 und einem Ladegerät zurück. Aus Richtung Zwintzscheritz ist das tiefe Brummen eines Horns zu hören. „Ja, wir hören dich, du wirst wohl warten müssen.“, sagt Karin und an Kathrin gewandt: „Was Neues?“ Kathrin berichtet von den beiden zerrissenen Kabeln. Der Fahrdienstleiter ruft: „Ich kriege keinen Kontakt zur A, ihr auch nicht?“ - „Nein, wir kriegen auch keinen. Der Baggerfahrer hat gesagt, dass die zwei Kabel durchtrennt haben.“ Wieder ertönt der Ruf eines Drucklufthorns. Diesmal schon etwas länger. „Du Rudi, ich habe die Funkgeräte hier her geholt. Ich funke dich mal an und wenn das klappt. gehe ich dann mit dem A-Block vor an die A.“ - „Vergiss den Kuli nicht!“, tönt es aus dem Funk zurück. Bevor Karin geht, spricht sie sich mit Kathrin ab. „Kathrin, du machst die Schranke und die B und hörst schön mit.“, worauf sie ein zweites Funkgerät einschaltet und neben dem Fenster in Richtung Schranke aufhängt.

    007-Karin-vorlaufen

    Karin läuft zum Einfahrsignal A vor und ruft dabei den Fahrdienstleiter. Der fragt als erstes nach, was mit der Fahrwegsicherung ist. Darauf meldet sich Kathrin: „Fahrweg vom falschen Gleis nach Gleis eins gelegt und gesichert, Schranke geschlossen.“ Nun diktiert der Kollege Jung den Befehl A zur Einfahrt des wartenden Kohlependels an die Karin.

    Auf die Art geht es mit Befehl aus Richtung Zwintzscheritz wegen erloschener Signale vor der Einfahrt Mehlsdorf bis zum Abend weiter. An der Einfahrt Mehlsdorf steht Karin und schreibt nach Diktat von Fdl Jung die Befehle zur Einfahrt. Um sieben Uhr abends tauschen Karin und Kathrin die Arbeitsplätze während gleichzeitig der Verkehr in Richtung Zwintzscheritz fließt.

    008-Kathrin-A

    Gegen 20 Uhr melden die Kollegen der Signal- und Fernmeldetechnik, dass die beiden beschädigten Kabel wieder repariert sind. Zum Glück war das Streckenkabel heil geblieben. Um 20:35 Uhr wird der „normale“ Fahrbetrieb wieder aufgenommen, den Karin und Kathrin bis zum Feierabend vorbildlich abwickeln.